Von Martin Gregor-Dellin

Auch in der Literatur vermag der Zweck die Mittel nicht zu heiligen. Dieser Satz läßt sich nicht, wie noch bei Nietzsche, umkehren – denn auch die Mittel heiligen den Zweck nicht. Daß sie sich gegenseitig legitimieren, daß Formbesessenheit und humane Anteilnahme sich durchdringen, ist die seltene Ausnahme in einem Land, dessen Intellektuelle sich über den Begriff „Engagement“ bis heute nicht genug die Köpfe heiß reden können. Die wenigen, die es mit beidem ernst meinten, haben sich regelmäßig in Widersprüche über die Prioritäten verstrickt und ihre Anhänger gewöhnlich in einem Dilemma zurückgelassen.

Wolfgang Weyrauch hat von jeher versucht, solchen Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen: Statt spekulativer Manifeste über Dichtung schrieb er Dichtungen, die selbst Manifeste waren – von einem einzigen, dem Kahlschlag-Manifest abgesehen, und das erwies sich ja bald als graue Theorie.

Eine Neigung zu Altersklassizismus und Hindemith-Meisterlichkeit darf man auch von seinem neuesten Buch nicht erwarten –

Wolfgang Weyrauch: „Etwas geschieht“; Walter-Druck 9, Walter Verlag, Olten/Freiburg; 96 S., 19,– DM.

Helmut Heißenbüttel schreibt im Nachwort zu „Etwas geschieht“, das Werk Weyrauchs vertrete nach 1945 „einen Typus, den es in Deutschland kaum gibt. Es versucht, das unmittelbare Engagement mit der Progression formaler Neuerungen in Einklang zu halten“. Wenn dieser Versuch bei Weyrauch jemals forciert gewirkt haben sollte – in diesem Buch ist er es nicht. Weyrauch hat seine Mittel fest in der Hand; souverän spielt er mit ihnen und unterwirft sie einem streng kompositorischen Prinzip. Auch diesmal ist es schwer, das Ergebnis in herkömmlichen Kategorien unterzubringen (wobei der von Heißenbüttel für seine eigenen Arbeiten bevorzugte Begriff „Textbuch“ die Sache noch am ehesten trifft). „Etwas geschieht“ ist ein aus verschiedenen Textkomponenten zusammenwachsendes Mosaik, das die Summe aller schriftstellerischen Erfahrungen enthält, die Weyrauch sich seit „Von des Glückes Barmherzigkeit“ bis zu „Mein Schiff, das heißt Taifun“ erworben hat.

Verläufe, Sentenzen, Monologe und Dialoge ergeben keine Handlung im konventionellen Sinn, sondern die Geschichte einer Idee, man könnte auch sagen die Idee einer Geschichte, die von Bedrohung und Sterben, von Feigheit und Tod handelt. Ein Taxichauffeur beschreibt die gestauten Motive einer Demonstration, die am Ende des Buches losbricht. Ein Straßenkehrer, ein Schuhputzer berichten von der großen menschlichen Gleichgültigkeit. Zwei jugendliche Selbstmordkandidaten nehmen in Gedanken ihren Sturz vom Hochhaus vorweg. Ein Mann erzählt von einem Dorf, das sich im Schrei selbst vernichtet: ein Verhör, das wiederum im Schrei endet. Alle diese Passagen sind mit Chiffren überschrieben, die Zusammenhänge herstellen: STRA und TAXI, EINZ und VERH, SOLD und DEMO. Sie geben die Ebenen an, von denen aus gesprochen wird.