Tag für Tag gab es Erklärungen in Bonn, mit nimmermüdem Elan sagten drei Männer, sie seien einander nähergekommen, Fraternisation hieß die Devise der Stunde, man lächelte sich freundlich zu und nannte den Namen der Gegenpartei vor dem Namen der eigenen Kongregation. Man führte Sätze mit Absicht nur bis zur Mitte und überließ es dem Partner, zu Subjekt und Objekt das verbum finitum zu fügen, man tat so, als sei man steckengeblieben, und gab damit dem Kontrahenten die Chance, das Stichwort zu flüstern: „Am Freitag, Herr Brandt, ja, am Freitag, da kommen wir wieder zusammen.“

Neue Konstellationen zeichneten sich ab, im Geist sah man schon Gastwirt Unertl (auf dem Bildschirm die Bavarismen gegen die preußische Majorisierung beschirmend) Seit an Seit mit Helmut Schmidt, Jäger-Miesbach neben Doktor Heinemann, Strauß und Schiller, Student und Professor als Minister friedlich vereint, Seebohm auf den Arm von Schellenberg gestützt, Jahn und Guttenberg beim Liebesmahl.

In Bayern, so schien es, gilt die norwegische Sprache von einem Tag zum andern nicht länger als unappetitlich bei Tisch, vergessen sind die Wahlkampfparolen; Kiesinger, Millionen sahen es deutlich, blickte Erich Mende freundlich an, wie Brandt es tat. Keine Rede mehr von Bistumsblättern und schwarzem Gezeter: Lieber die NPD in den Landtag als die verfluchten Freidemokraten! Und als der Kanzler dann, im Abgang so täppisch und plump wie auf dem Zenit, noch einmal die völkische Lieblingsvokabel, das verräterische Wörtchen zersetzend bemühte, eilten die CDU-Paladine herbei, um den getroffenen Gegner zu streicheln.

Das Karussell drehte sich munter, am Montag Mini, Mittwoch Klein und Freitag Groß, von Tagesschau zu Tagesschau, von Heute zu Heute ließ sich der Wirbel verfolgen – und nicht selten setzten ZDF und ARD die Akzente in apartunterschiedlicher Weise: Was in Mainz am Freitag schon beschlossen schien, der schwarzrote Ball, wurde in Hamburg, die SPD hat’s in der Hand, nur als Möglichkeit charakterisiert.

Gottlob, daß die Divergenzen nicht ganz so groß wie am bayerischen Wahlsonntag waren, wo die einen der FDP noch Hoffnung versprachen, während die anderen schon ihr Kreuzzeichen machten: „Was sagen Sie, Herr Dr. Dehler“, meinten die zweiten, „zum günstigen Abschneiden Ihrer Partei?“ „Ich warte, wir Liberalen sind Optimisten, daß das Ergebnis am Ende noch besser sein wird.“ „Was sagen Sie“, fragten die ersten, „zu den Stimmenverlusten?“ „Ich hoffe.“ Es war, als ob man zu einem Kranken abwechselnd von Malignität und Gutartigkeit spräche, es war eine Tortur, ein Hexentanz der Prozente – und es ehrt die Delinquenten, daß sie die Wechselbadfolter würdig und sehr gelassen ertrugen – nur kleine Tröpfchen zeigten die Erregung an.

Wie anders, solchem Gleichmut gegenüber, wie anders jener Mann, Thielen sein Name, der ich sagte, wo es unsere Partei heißen mußte, wie anders auch jener, er hieß Huber, der da meinte, Gespräche mit der NPD kämen einstweilen nicht in Betracht, wie anders schließlich der dritte, der von der Jagd kam, zu später Stunde, lange erwartet, im Lodengewand, von toten Fasanen redete und sich mit nationaler Emphase drapierte.

Mir, der ich einen andern Jäger noch im Film gesehen habe, gefiel dieser Mann nicht.

Momos