Die Science Fiction hat sich den Boden unter den eigenen Füßen weggezogen, sie hat Tausende von Ideen verpfuscht. Man hat die Tore sperrangelweit aufgerissen, um auf Abenteuer auszuziehen, und es stellt sich heraus, daß man nur um das Haus herumgegangen ist.

Michel Butor

Die Geschosse überflogen spielend die gesteckten Ziele und zerfetzten Spaziergänger, die eine derartige Schußweite nicht für möglich gehalten hätten. Jules Verne

Vor Jules Verne malten die literarischen Utopien entweder warnend den Teufel an die Wand oder entwarfen in didaktischer Absicht schöne neue Welten. Vor Jules Verne war die utopische Literatur seriös wie Sir Thomas More und boshaft-satirisch wie Jonathan Swift. Ihr Blick in die Zukunft, die Darstellung dessen, was noch nicht ist, war lediglich ein Mittel zum Zweck, eine kritische List: Beschrieben wurde eine veränderte Welt, damit die Welt sich ändere.

Jules Vernes bizarren voyages extraordinaires dagegen fehlt jede moralische Intentionalität. Sie sind voll eines platten Zukunftzaubers, der nur unterhaltsam sein wollte, und boten keine Ideen an, sondern Geräte und Zwischenfälle. Ihr Beispiel machte Schule, auf sie geht fast alles zurück, was man – der Begriff stammt aus den Vereinigten Staaten und ist etwas über dreißig Jahre alt – science fiction nennt.

Heute ist die science fiction die nach dem Kriminalroman populärste Gattung der Spannungsliteratur. In ihr mischen sich nahezu sämtliche trivialen Erzählmuster, die auf dem Markt sind: Vom historischen Roman über den Abenteuerroman, den Kriminalroman und den Schauerroman bis hin zu dem Heimatroman verwandten Blut-und-Boden-Idyllen hält das Genre für jeden das seine bereit. Zeitmaschinen ermöglichen die Rückkehr in vergangene Jahrhunderte. In den Dschungeln ferner Sterne lassen sich mühelos gefahrvolle Expeditionen arrangieren. Interstellare Gangster werden von interstellaren Polizisten gejagt. Gruselige Wesen suchen die Erde heim, die manchmal aufs Haar den Gespenstern gleichen, bei deren Anblick die Schloßfräuleins zusammenfuhren und ihre spitzen Schreie ausstießen. Nach der großen Katastrophe oder irgendwo in einer galaktischen Kolonie blüht das einfache Leben auf und kommen Pflug und Spaten wieder zu ihrem Recht. Gemeinsam ist solchen Geschichten nur, was sie auslöst – das mehr oder weniger drastisch vorgerückte Datum, die mehr oder weniger unerhörte Begebenheit.

Zweierlei trieb die Ausbreitung des Genres voran: Das allgemeine Vergnügen an einer Literatur, die den Leser in andere Welten zu entführen verspricht, von dem auch der Kriminalroman profitiert, obwohl er nur die Unterwelt zu bieten hat, und das besondere Interesse einer breiten Leserschicht an Imaginationen, die von der Faszination der technischen Errungenschaften leben. Dieses wurde und wird um so größer, je undurchschaubarer und deshalb unheimlicher die Apparate werden, je mehr sich ihr Funktionieren dem Verständnis des durchschnittlich beschlagenen Lesers entzieht. Bei der Lektüre von science fiction findet er, was er sucht: Nicht etwa einen naturwissenschaftlich-technischen Anschauungsunterricht, sondern die beruhigende Mitteilung, daß erstens alles noch viel schlimmer sein könnte, als es ist, und daß es zweitens, dank des nimmermüden menschlichen Erfindungsgeistes, dem zu jeder Maschine eine Gegen-Maschine und zu jeder Katastrophe die passende Verhaltensweise einfällt, richtig schlimm nicht kommen wird. Denn selbst den pessimistischsten Beispielen der Gattung entsteigt ein Quentchen Zukunftsgemütlichkeit, und sei es nur dadurch, daß sich der auf zweihundert Seiten ausgemalte Schrecken bequem in die Tasche schieben läßt.