Von Adolf Metzner

Das hat es bisher im deutschen Sport noch nicht gegeben! Eine deutsche Meisterschaft unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Im Wiesbadener Sportstudio des Zweiten Deutschen Fernsehens kämpften kürzlich die beiden Aspiranten Lothar Stengel und Peter Köster um den Meisterschaftsgürtel der Berufsboxer im Halbschwergewicht. Im Studio selbst, artig um den Ring sitzend, nur ein paar Dutzend Funktionäre und geladene Gäste.

Die Premiere verlief sehr gesittet. Niemand brüllte Schiebung und keiner warf mit Flaschen, und Lorbeerkränze flogen nicht durch die Luft, so wie fast zur gleichen Zeit im Berliner Sportpalast unter dem Protestgeheul von 12 000 empörten Zuschauern. Wohltemperiertes Händeklatschen mischte sich im Studio ab und zu in das dumpf dröhnende Trommeln der aufprallenden Schläge, nur vom lauten „break“ des Ringrichters unterbrochen. Die Atmosphäre war sachlich kühl, fast steril. Die Leidenschaft hatte man an der Garderobe abgegeben. Die Gladiatoren im Ring des Studios mühten sich redlich, viel Schweiß und ein bißchen Blut waren die Ausbeute und natürlich ein ganz neues Fernsehgefühl.

„Boxfreunde“, die für gutes Eintrittsgeld den Kampf in natura miterleben wollten, mußten zu Hause bleiben und sich die Ringschlacht, die keine war, auf der Mattscheibe vorflimmern lassen.

Ich sprach mit einem Mann vom Bau. „Was glauben Sie“, sagte er, „wenn irgendein spleeniger Multimillionär heute dem ‚HSV‘ und den Dortmunder Borussen eine halbe Million anbieten würde, damit sie für ihn ganz allein gegeneinander spielten – sofort würden sie es tun! Warum soll also das Zweite Fernsehen sich nicht auch mal eine Deutsche Meisterschaft exklusiv für sein Sportstudio kaufen. Den Boxmanagern ist es egal, woher sie ihr Geld kriegen. Statt der paar Tausend, die nicht am Ring sitzen können, schauen ja dafür vor dem Bildschirm Millionen zu.“

Da sind sie also, die gern zitierten Millionen. Ob es nach 6 oder gar nach 12 Runden noch Millionen waren, die zuschauten, möchte ich bei der Klasse dieses Studiokampfes allerdings bezweifeln. Aber das unsichtbare Auditorium der Millionen, das beim Fußballfinale in Wembley schon beschworen wurde – dort waren es ja einige Hundert Millionen, die die imaginären Ränge füllten –, fordert, so sagt man wenigstens, immer gebieterischer sein Recht. Tatsächlich fordert wohl so gut wie niemand, daß das Fernsehen die Meisterschaften in seine Studios verlegt, und seien es auch nur Meisterschaften der Professionals. Das gefräßige Showbusiness wird dann bald auch noch das letzte Quentchen Sport verschlingen.

Denkt man an Wembley, an das Endspiel Deutschland – England, so muß man doch immer wieder die sportliche Fairneß loben, mit der dieser Kampf der Profis durchgeführt wurde, was doch nicht zuletzt der Aufsicht der Amateurverbände zu danken ist.