Was wissen junge Mediziner wirklich?

Von Hilke Sclilaeger

Vom Abitur bis zum Physikum werden in Deutschland junge Mediziner geflissentlich nicht daran erinnert, daß es einmal ihr Beruf sein wird, Kranke zu behandeln. Die Ausbildung ist naturwissenschaftlich-theoretisch ausgerichtet und findet in den ersten beiden Semestern – in Physik, Chemie, Botanik und Zoologie – nicht eintrat in der Medizinischen Fakultät statt. Trotzdem: Hier und in den anatomischen und physiologischen Übungen des vorklinischen Studiums werden die Grundlagen für die spätere klinische Unterweisung gelegt – oder auch nicht. Mangelnde theoretische Kenntnisse können den praktische Unterricht sehr beeinträchtigen.

Van der Stiftung Volkswagenwerk finanziert und vom Westdeutschen Medizinischen Fakultätentag wohlwollend unterstützt, untersucht seit 1962 eine Münchner Arbeitsgruppe, angeführt von Dr. Hannes Kapuste, die Wirksamkeit des deutschen Medizinstudiums; in diesem Jahr etablierte sich in Tübingen eine zweite Gruppe, die sich unter der Leitung von Professor Klaus Betke mit dem klinischen Studium befassen wird.

Der Auftrag der Münchner Ausbildungsforscher lautet, objektive Kontrollen zu erarbeiten, mit denen sich die Kenntnisse der Abiturienten beim Eintritt in die Universität, die Studienerfolge während der Ausbildung und die Kenntnisse beim Staatsexamen überprüfen lassen, und Vorschläge zur Verbesserung der Ausbildung zu machen.

Vergleich mit dem Ausland

Angefangen hatte es damit, daß am Abitur als dem bisher einzigen Kriterium für die Zulassung zum Medizinstudium Zweifel laut wurden. Enden wird es, wenigstens vorläufig, mit einem speziellen Test für Staatsexamenskandidaten. Eine achtstündige schriftliche Prüfung, deren 440 Fragen aus sechs Hauptfächern des Staatsexamens von verschiedenen Professoren zusammengestellt wurden, soll dreierlei möglich machen: zum einen Vergleiche zwischen dem „normalen“ Examen und den wirklichen Kenntnissen der Prüflinge anzustellen; zum anderen festzustellen, welche Kenntnisse überhaupt von den Universitäten vermittelt oder von den Studenten aufgenommen worden sind; und schließlich zu sehen, an welcher Stelle deutsche Jungmediziner, verglichen mit ausländischen Konkurrenten, stehen – für diesen internationalen Vergleich wird das Examen auch in Chicago, Paris, Bern und Kanada durchgeführt werden. Die ersten Staatsexamenskandidaten haben sich jetzt in München diesem Test unterzogen; über die Ergebnisse wird freilich erst berichtet werden können, wenn das Experiment abgeschlosen ist.