Unsere Jugend muß wissen, sagte sich Fritz Steuben (das ist Erhard Sittek), wie es im deutschen Osten aussah. Und er schrieb seine Erinnerungen von den Fahrten des Posener Wandervogels vor dem Ersten Weltkrieg nieder –

Fritz Steuben: „Auf großer Fahrt – Wanderungen zwischen Pregel und Beskiden“; Herder Verlag, Freiburg; 171 S., Ill., 12,80 DM.

Es hat viele Wandervogelbücher gegeben, dies hier dürfte eines der letzten sein; wenn sie gut geschrieben sind, sieht man als Leser Landschaft und Menschen von ihrer anderen, unklischierten Seite, und das sind Entdeckungen – beinahe so gut, als sei man selbst viele Tage lang mit Alfred Jablonna, Jasch und Pelagia Hoffmann auf dem Schleppkahn von Breslau nach Stettin gefahren oder als sei man nachts über die Weichseldämme gelaufen und habe das Wunder Danzig erlebt.

Dieses Buch ist gut geschrieben, dort jedenfalls, wo jene unwiederholbaren Fahrtenerlebnisse geschildert werden. Selbst der sonderbare Jargon, der sich in solchen Gruppen einnistet, ist lesbar aufgezeichnet. Aber es will ja auch ein bißchen belehren, und also wird Geschichte getrieben, preußische und polnische, Deutschordensgeschichte, sogardie holländischen – Mennoniten an der Weichsel kommen an die Reihe.

Und doch wird man nicht froh bei diesem Buch. Es wird nichts Unerfreuliches über die Polen und Kaschuben gesagt, es werden gelegentlich sogar deutliche Dämpfer aufgesetzt, so Seite 99: „Seht her! Ohne uns Deutsche geht es nicht!“ (...) „Das ist lange her, mein Lieber, sehr lange! Und soviel ich weiß, warst du damals nicht dabei.“ Man liest die neben den Bildern stehenden-, kursiv gesetzten Texte mit ihren Fakten über Breslau, die Marienburg, Königsberg und versteht aus einer Schlußbemerkung des Verlags, daß der Herr Professor Dr. Gottfried Schramm sie auf das peinlichste gefiltert hat. Alles stimmt – und doch nicht alles. So packend und schön der Bericht vom Eisfang auf dem Spirdingsee ist, so trostlos ist die letzte, witzig gemeinte Geschichte von dem ostpreußischen Rittergutsbesitzer; man hat sie bereits von der anderen Seite her auf dem Brechtschen Theater gesehen und kennt Herrn Puntila und seinen Knecht genauer. Vielleicht einigt man sich über dieses Buch so: Man lese es und liebe dieses Land auf Steubens Weise; und dann lese man den grausigen Bericht, den An Rutgers gegeben hat –

An Rutgers: „Mensch oder Wolf...?“, aus dem Holländischen von Elfe Kaiser; Hirundo Verlag, München; 171 S., 12,80 DM.

Dieses Buch kann keine Fiktion sein, kein Auftragsergebnis, weil das Kapitel Zeitgeschichte Schlesien 1945 noch gefehlt hat, keine Erfindung, bei der vorher genau überlegt wurde, was man der Jugend zumuten dürfe.