Von Klaus Tuchel

Nach einer weitverbreiteten Meinung gehören die Ingenieure heute zu den mehr traditionalistisch ausgerichteten Gruppen unserer Gesellschaft. Ingenieure bauen zwar, so heißt es, die modernsten Geräte zum Vorstoß in den Weltraum oder in das Atominnere, ihre Arbeit sei mehr auf die Zukunft als auf die Vergangenheit gerichtet, aber von einer Modernität oder auch nur Zeitgemäßheit des Denkens halten sie nicht viel. Max Eyth stehe ihnen näher als Günter Grass.

Mit dieser Ansicht ist häufig der moralische-Vorwurf verbunden, die technische Intelligenz vernachlässige durch diese Einstellung eine gesellschaftliche Pflicht, nämlich sich und anderen die weitreichenden Folgen ihres Handelns bewußt zu machen.

Wie alle Verallgemeinerungen trifft der Vorwurf nicht die Gesamtheit, sondern nur einen Teil. Unter den Ingenieuren gibt es sehr wohl eine starke Gruppe, die die Zukunftsoffenheit ihres Handelns mit einem zukunftsgerichteten Denken verbindet, die sich dem utopischen Entwurf näher fühlt als der historischen Kontemplation, die Blochs Philosophie der Hoffnung lieber liest als Gadamers Reflexionen über Wahrheit und Methode.

Aber natürlich gibt es auch die genau entgegengesetzte Haltung, und wenn ich es richtig sehe, ist sie unter den Ingenieuren weiter verbreitet als das progressive Denken. Hier beginnt man nur sehr zögernd einzusehen, daß Ingenieurarbeit mehr bedeutet, als nur einige neue Hilfsmittel zur Arbeitsentlastung des Menschen zu schaffen.

Vielleicht gesteht man noch mit Friedrich Dessauer zu, daß dieses „Realsein aus Ideen“ aus einem nicht ganz erhellbaren Ursprung komme und daher auch in seinen Wirkungen nicht völlig vorausschaubar sei. Aber die Frage, was denn nun in diesem weltumfassenden Prozeß der Technisierung eigentlich vor sich geht, taucht in dieser Gruppe doch nur selten auf.

Nicht übersehen dürfte man, daß es neben diesen beiden Gruppen eine dritte gibt, die das Fragen nach den Wirkungen der Ingenieurarbeit prinzipiell ablehnt und damit, bewußt oder unbewußt, die Verantwortung auf andere abzuschieben versucht: Sollen doch die Pädagogen sehen, wie sie die Kinder zum vernünftigen Gebrauch der Technik erziehen; sollen doch die Philosophen sehen, wie sie mit den neuen Tatsachen und Möglichkeiten fertig werden; wir Ingenieure sorgen für das richtige Funktionieren, für den besten Wirkungsgrad des Apparates und können nichts dafür, wenn er aus wirtschaftlichen und politischen Gründen, immer bedrohlicher wird.