Von Gerhard Brunner

Die Titel täuschen ein wenig. In unmittelbarer Nähe wird Deutschland von den Ballettnationen zweiter Ordnung umgeben. Es sind Länder mit intakten Traditionen, wie Dänemark, oder jungen Zentren, wie Holland, ihre ballettästhetische Orientierung spiegelt die Zugehörigkeit zu einem der politischen Blöcke weitaus genauer wider, als eine so stumme und geradezu analphabetische Kunstform es erwarten ließe.

Gemeinsam ist der Mehrzahl dieser Länder die Vorrangstellung eines Nationalballetts. Dieser Begriff jedoch bezieht sich in erster Linie darauf, daß hier Begabungen gesammelt werden, er ist keinesfalls so zu verstehen, als würden hier mit Vorrang „nationale“ Wesenselemente tänzerisch verdeutlicht. Letzten Endes sind ja diese nationalen Kulturen von Ausländern geprägt worden: Italiener wirkten in Frankreich, Franzosen in Österreich, Österreicher in Rußland und Russen in Frankreich. Ihre Sprache blieb stets das Französische, ihr tänzerisches Vokabular aber ist international.

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Kopenhagens berühmte Kompanie Den Kongelige Danske Ballet gehört nicht zu jenem Spitzenquartett der Hierarchie, das vom New York City Ballet, Londons Royal Ballet, Moskaus Bolschoi-Ballett und Leningrads Kirow-Ballett gebildet wird, sie stellt aber unzweifelhaft das beste Ensemble der nächsten Gruppe dar. Es darf sich einer kontinuierlichen Tradition durch nahezu zwei Jahrhunderte rühmen; seit den fünfziger Jahren ist Dänemarks königliches Ballett, das einen unschätzbaren Bestand an originalen Choreographien seiner romantischen Blütezeit konserviert hat, wieder in den Blickpunkt gerückt. Sein alljährliches Festival ist zu einer Attraktion geworden.

Wenn auch die dänischen Historiker sich bemühen, die Spuren der tänzerischen Traditionen bis zu den Wikingern zu verfolgen und Holberg als den Vater ihres Balletts zu bezeichnen, darf das Jahr 1775 getrost als die eigentliche Geburtsstunde angesehen werden. Vincenzo Galeotti, ein florentinischer Ballettmeister, zu dessen Lehrern die beiden Antipoden Angiolini und Noverre zählten, war die erste von drei großen Persönlichkeiten, deren Werk das folgende Jahrhundert überspannte. Galeottis Ballett Les Caprices du Cupidon et du Maître de Ballet hat sich bis heute im Repertoire gehalten. Im Jahre 1816 folgte ihm der französische Tänzer Antoine Bournonville nach, dessen Sohn Auguste, 1805 in Kopenhagen geboren, zum großen Meister des dänischen Balletts wurde.

Auguste Bournonvilles Hauptwerke zählen zu den ältesten Balletten, deren originale Substanz uns überliefert wurde. Thematisch stellen sie immer neue, romantisch-bürgerliche Variationen über die Sehnsucht der Dänen nach fremden Ländern und Kontinenten dar, so daß „Fern von Dänemark“ gerade als ein Schlüsselwerk verstanden werden könnte. Ihr unverwechselbarer tänzerischer Stil ist von der federnden Sprungkraft, Virilität und präzisen Mimik der Tänzer geprägt, denen nur die Russen Gleichwertiges entgegenzusetzen haben.