Peter Scholl-Latour: Im Sog des Generals. Von Abidjan nach Moskau. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart. 363 Seiten, 19,80 DM.

Die Wissenschaft von der Politik scheint um eine neue Fachrichtung angereichert zu sein: die Gaullogie, die Lehre von de Gaulle. Zu den zahlreichen Jüngern dieser ja noch nicht sehr alten Wissenschaft zählt Peter Scholl-Latour, der deutsche Fernsehreporter in Paris, nicht. „Die Gaullogie ist eine esoterische Wissenschaft“, schreibt er.

Peter Scholl-Latour bleibt seinem Handwerk treu: er liest nicht aus den Sternen, er beobachtet und erzählt. Er beschreibt, was er sieht, füllt seine Reportagen mit Erinnerungen, Erfahrungen und Reflektionen an und bleibt dabei seinem Objekt ganz dicht auf den Fersen. Ein Reporter also. Und sein Buch: eine Sammlung von Reportagen. Es unterscheidet sich wohltuend von anderen Büchern vieler Journalisten, die ihre für den Tag geschriebenen, in Zeitungen gedruckten Berichte, Analysen, Kommentare und Glossen für teures Geld dem Publikum noch einmal offerieren. Peter Scholl-Latour verhielt sich etwas gescheiter: Neben seinen Filmen, die er in Paris für das deutsche Fernsehen drehte, neben den Interviews und Gesprächen, die er dort führte, schrieb er ein Tagebuch. Mit dem Verlag war es ausgemacht: es sollte die Zeit vom Wahlsommer 1965 bis zur Gegenwart umspannen.

Es ist kein herkömmliches Tagebuch geworden, nicht penibel Tag für Tag geführt, sondern in großen Zügen unter bestimmten Themen geschrieben worden. Da beschreibt Scholl-Latour den Wahlzirkus des wortgewaltigen rechtsradikalen Anwalts Tixier-Vignacour, er schildert das „Hochamt“ der Fünften Republik, eine der Pressekonferenzen des Generals. Oder den Besuch des polnischen Ministerpräsidenten Josef Cyrankiewicz in Paris im September 1965. Die fünf Seiten, auf denen Scholl-Latour diese polnische Visite abhandelt, sind exemplarisch für die übrigen Teile. Eine Mischung aus Reportage, Reflektionen und Anekdoten. Man erfährt ein paar pikante Nachrichten, beispielsweise, der General habe 1919 – als er als Infanterieausbilder in der polnischen Armee diente – dort sein einziges amouröses Abenteuer außerhalb seiner Ehe absolviert, mit einer polnischen Adligen.

Kurz, seine Tagebuchaufzeichnungen sind Lesestoff im guten Sinne des Wortes, und sie sind gut geschrieben.

Mitunter fragt man sich allerdings, wenn über viele Seiten hinweg über den Kongo oder Vietnam die Rede ist und wenn man die Beziehung zu de Gaulle etwas krampfhaft sucht – was soll das? Die einzige Erklärung: Scholl-Latour war jahrelang Korrespondent im Kongo, erlebte dort den Einmarsch der Truppen der Vereinten Nationen, und er berichtete auch aus Indochina. Der „rote Faden“ ist hier nicht der General, sondern der Verfasser, der seine Eitelkeit nicht ganz verbergen konnte.

Auf dem Weg, de Gaulle und seine Aktionen mikroskopisch genau zu beschreiben, wird der Reporter Scholl-Latour dann zwangsläufig doch zum Gaullologen. Er, der Chronist, ist dem Geheimnis des Generals ein wenig näher gekommen als andere, die für das „patriotische Pathos des Barden im Elyseepalast“ nur ein Lächeln übrig haben. Er sieht die Macht des Generals, die dieser über sein Land und sein Volk hat, über Kommunisten, Calvinisten und Katholiken, aber er sieht auch die Ohnmacht des alten Mannes aus Lothringen, der hoffte, Frankreich zu einer letzten nationalen Sternstunde verholfen zu haben. H. K.