Von Heinrich Ostermann

Am Abend des 17. November 1966 erklärte die gesetzgebende Versammlung des Jesuitenordens mit ihren 220 Mitgliedern aus aller Welt ihre Aufgabe, die Ordenssatzungen einer Reform zu unterziehen, als beendet. In fünf Monate langer Beratung hatte man in über 120 Vollsitzungen und zahllosen Kommissionssitzungen vierzig Dekrete im Umfang von 200 Schreibmaschinenseiten verabschiedet.

Man kann sich ehrlich die Frage stellen, welches Interesse die Öffentlichkeit, die doch zum größten Teil nicht katholisch ist, an einer solchen Reform, die nicht die ganze Kirche, sondern nur einen Orden betrifft, nehmen sollte. Sicherlich ist der Jesuitenorden mit seinen 36 000 Mitgliedern der größte Orden der Kirche. Darüber hinaus haben „Macht und Geheimnis der Jesuiten“ eine eigentümlich anziehende oder abstoßende Wirkung. Der Jesuitenorden gilt weithin als eine Vereinigung von Männern, die sich insbesondere der Kirche und dem jeweiligen Papst innerlich verpflichtet weiß. In der nachreformatorischen Ära galt der Orden als Vortrupp der Gegenreformation.

Um so verwunderlicher mußte es erscheinen, als nach einem feierlichen Gottesdienst, zu dem der Papst die Patres der Generalkongregation zum Schluß ihrer Ordensreform eingeladen hatte, die Presse in aller Welt in großen Schlagzeilen berichtete, daß der Papst die Jesuiten getadelt und sie einer „schleichenden Mentalität“ beschuldigt habe.

Alle, die nur durch die Presse informiert wurden, mußten den Eindruck haben, der Papst habe die Jesuiten nur zusammengerufen, um ihnen eine Rüge zu erteilen.

Wie es zu diesen Äußerungen der Presse kommen konnte, ist den Teilnehmern an der Feier in der Sixtinischen Kapelle völlig unerfindlich. Es ist nicht die Aufgabe dieses Artikels, den Ursachen dieser ausgesprochenen Falschmeldungen nachzugehen, die zum Teil später korrigiert wurden. Hier soll nur gefragt werden: Was hat der Papst wirklich gesagt, und was hat der Orden auf seiner gesetzgebenden Versammlung wirklich getan?

Als die 220 Jesuiten am Morgen des 16. November die Sixtinische Kapelle verließen, hatten sie keineswegs den Eindruck, daß sie vom Papst getadelt worden seien, daß er ihnen sein Mißtrauen zum Ausdruck gebracht habe und in Zukunft auf ihre Mitarbeit keinen Wert lege. Im Gegenteil, sie hatten die Rede als eine der großen feierlichen Bestätigungen des Ordens durch den Papst empfunden. Er sagte: „Laßt es Uns am Schluß unserer Ansprache offen aussprechen, Wir setzen große Hoffnung auf euch. Die Kirche braucht eure Hilfe und nimmt sie mit Freude und Stolz von aufrichtigen und ergebenen Söhnen, wie ihr es seid, entgegen... Wir vertrauen euch als kraftvollen Zeugen des einen und wahren Glaubens Ja, es ist Zeit, geliebte Söhne! Geht mit Vertrauen und in heiliger Entschlossenheit. Christus erwählt euch. Die Kirche sendet euch. Der Papst segnet euch.“