Paris, Anfang Dezember

Hundertundeins Kanonenschüsse begrüßten den sowjetischen Ministerpräsidenten Kossygin als er mit General de Gaulle durch Paris fuhr. Es war der Auftakt zu einem Besuchsprogramm, wie es das Protokoll für Staatsoberhäupter vorsieht. Die Kanonade freilich gehört selbst für Staatsoberhäupter nicht zu den protokollarischen Notwendigkeiten. General de Gaulle aber wollte sie unbedingt haben. Darum erfanden seine Beamten für Kossygins Besuch die Bezeichnung „Staatsvisite“, die für das empfindliche französische Sprachgefühl häßlich klingt, aber eine großzügige Auslegung des Protokolls erlaubte. Frankreichs Staatspräsident will mit diesem Besuch hohe Politik machen. In der offiziellen Sprache heißt das, das Treffen in Paris soll die „häufigen Kontakte auf allen Ebenen“ fortsetzen, die während der Moskau-Reise de Gaulles im Juli beschlossen worden waren. Kossygin gilt nach den Erfahrungen, die de Gaulle in der Sowjetunion machte, nicht als der wichtigste Gesprächspartner der Troika Breschnew–Kossygin–Podgorny. Der Besuch des Staatsoberhauptes Podgorny und des Parteichefs Breschnew, der im Frühjahr folgen wird, hat daher größeres Gewicht.

Manches am Kossygin-Besuch entspricht dem Protokoll, mit dem vor sechs Jahren Chruschtschow in Frankreich empfangen wurde. Das ist wohl eine notwendige Höflichkeit. So werden de Gaulle und Kossygin den letzten Tag gemeinsam auf Schloß Rambouillet verbringen.

Die Sowjets drängen wie immer auf Fortschritte in der politischen Zusammenarbeit. Die Franzosen sind der Meinung, daß man zunächst die praktische Kooperation auf wirtschaftlichem, technischem und wissenschaftlichem Gebiet konsolidieren müsse – was sie nicht daran hindern wird, politische Vorschläge der Sowjets aufmerksam anzuhören. Aber sie meinen, daß in der bisherigen Handhabung der Beziehungen das Prinzip der Gegenseitigkeit von den Sowjets noch nicht genügend gewahrt worden sei. Wirtschafts- und Finanzminister Debré, der vor vierzehn Tagen in Moskau war, um die Organisation der praktischen Kontakte – eine mehrschichtige Kommissionsarbeit – auf die Beine zu stellen, kam enttäuscht zurück. Die Sowjets, so wurde bekannt, boten ihm für diese Kooperation nichts an. Potemkinsche Dörfer aber möchte man in Paris nicht bauen. Man will auch verhindern, nur ein taktisches Element in der Außenpolitik der Sowjets zu werden, die sich darauf einrichten, nach dem Ende des Vietnam-Krieges die große Aussprache mit Amerika zu beginnen. Kurzum: De Gaulle erwartet von den Sowjets, bevor er sich auf weitere politische Schritte mit ihnen einläßt, daß sie ihre Zustimmung zu seiner Idee von der europäischen Zusammenarbeit zwischen Atlantik und Ural auf konkrete Weise zu erkennen geben. Damit vor allem wird Kossygin in Paris konfrontiert.

De Gaulle will seinem Gast in den acht Tagen auch vorzeigen, was Frankreich anzubieten hat. Auf einer ausgedehnten Provinzreise wird Kossygin mehrere Industriebetriebe besichtigen. Was Frankreich in der Luftfahrttechnik, in der Chemie, der Elektronik und der Atomforschung leistet, soll der Besucher in Augenschein nehmen. Zu öffentlichen Reden, wie sie Chruschtschow pausenlos durch das französische Fenster an die Weltöffentlichkeit hielt, ist diesmal kaum Gelegenheit. Kossygin wird sich, wie de Gaulle in Moskau, nur einmal direkt über das Fernsehen an die Franzosen wenden können. E. W.