„Kunst des 20. Jahrhunderts“ (Köln, Kunsthaus Lempertz): Ein „Sonnenuntergang“ von Nolde, aus dem Jahre 1909, bildet das mit 140 000 Mark am höchsten bewertete Objekt auf der Lempertz-Auktion am 8. und 9. Dezember, eine „Marschlandschaft“ soll die Hälfte bringen. Eine frühe Kandinsky-Landschaft, von Grohmann ins Jahr 1907 datiert, ist auf 50 000 Mark geschätzt, ein Utrillo auf 70 000, ein Doppelporträt von Macke auf 45 000, ein Blumenstück von Slevogt, der bisher etwas vernachlässigt wurde, auf 55 000 Mark, ein bedeutendes Max Ernst-Gemälde „Oiseau en Cage“ von 1928 auf 40 000 Mark. Die Plastik ist gut vertreten, mit drei frühen Archipenko-Bronzen, mit Barlach, Zadkine, mit „Tête de Venus“ von Renoir (25 000 Mark), dem „Tänzer Nijinski“ von Kolbe (dem männlichen Pendant zu seiner „Tänzerin“). Viel Graphik von den Pariser Altmeistern und den deutschen Expressionisten, aber auch den neuerdings hochfavorisierten Künstlern wie Corinth, Beckmann und der Kollwitz. Die hervorragenden frühen Zeichnungen von Dix sind relativ niedrig angesetzt, man darf gespannt darauf sein, wie sie aufgenommen werden. Am 14. und 15. Dezember folgt die Versteigerung „Außereuropäische Kunst“, mit fast dreieinhalb Tausend Objekten, das umfangreichste Material, das auf dem deutschen Kunstmarkt bisher angeboten wurde.

  • „Heinrich Richter“ (Leverkusen, Schloß Morsbroich): Als „sanftmütigen Surrealisten“ hat Heinz Ohff ihn (in der ZEIT vom 4. Februar 1966) vorgestellt, wobei er doch wohl mehr den Maler selbst, seine „poetische Gestalt“, seine Lebenslegende als seine Bilder im Auge hatte. Sanftmut hätte dem Berliner Künstler den Auftrag, die „Blechtrommel“ zu illustrieren, gewiß nicht eingebracht. Eher hat ihn seine Neigung und sein Talent, die Dinge kraß und provokant zu formulieren, für diese Aufgabe empfohlen. In Leverkusen, wo Rolf Wedewer ihn mit einer ersten umfassenden Ausstellung präsentiert, hat der Sanftmütige jedenfalls einen handfesten Skandal erregt. Im Rathaus wurde er der Pornographie bezichtigt, bis bei der Abstimmung im Stadtrat die Befürworter der künstlerischen Freiheit einen Sieg errangen: Die Ausstellung wurde nicht geschlossen wie weiland die von Paul Wunderlich in Hamburg.

Mit der gleichen Ausschließlichkeit, mit der sich Klapheck mit dem Maschinenmotiv beschäftigt, widmet Heinrich Richter sich dem Thema des nackten Menschen. Seine Bilder deshalb für pornographisch zu halten, wäre ein ebenso grobes Mißverständnis, als wenn man sie, indem man ihren Inhalt vornehm übersieht, unter rein formal-ästhetischem Aspekt betrachtete. „Der Inhalt des Bildes ist mir wichtiger als seine Balance ... Frei von Kunst sollen meine Bilder sein, unbildnerisch. Sie stellen gar nicht die Frage, was Kunst an ihnen ist, sondern was sie selber sind“, erklärt der Maler. Er will „Anti-Bilder“ malen, „Anti-Betrachter“ sollen sie sehen. Surreal sind die Bilder insofern, als ihnen kein reales Mädchen Modell gestanden hat. Der Körper wird zerstückelt, in Details auseinandergenommen und zu monströsen Torsen montiert. Ein Stoff, der Falten wirft, ein Teig, der Blasen schlägt, der in grellen oder süßlichen Farben zerbricht, eine Doppelfigur, ein Körper mit zwei Gesichtern. Der neueste Bildzyklus heißt „Die Mädchen von Chexbres“ und behandelt in neun Bildern jede der namentlich aufgeführten Musen. Ob Klio oder Polyhymnia, jede nur üppig wucherndes Fleisch, ein amputierter, gehäuteter Akt, drastische Deformierung wird partiell in Wolken gehüllt. Soll ein antiquiertes Schönheitsideal dekouvriert, sollen falsche Götter vom Postament gestürzt werden? Halt der Maler, nach Wedewer, eine gegen die Ideologie des Höchsten gerichtete Position? Läuft er Amok gegen längst nicht mehr vorhandene Tabus? Die Zeichnungen sind subtiler. Aber wer ihn wegen thematischer Kongruenz mit Paul Wunderlich und Hans Bellmer vergleicht, tut den beiden anderen Malern Unrecht. Die Ausstellung geht bis zum 8. Januar.

„Pont-Aven und die Nabis“ (München, Galleria del Levante): In der Stuckvilla hat die Mailänder Galerie eine deutsche Filiale errichtet. Ihre Absichten, an dem international üblichen spekulativen Betrieb nicht teilzunehmen, Modeströmungen zu ignorieren und im Rahmen des Möglichen zu einer redlichen Übereinstimmung zwischen wirtschaftlichem und kunsthistorischem Wert zu gelangen, sind ebenso löblich wie nebelhaft. In der Eröffnungsausstellung werden 47 verkäufliche Werke aus dem Kreis der Nabis angeboten, einige sind so wichtig, daß sie auf der letzten großen Nabis-Ausstellung in der Mannheimer Kunsthalle gezeigt wurden. Beispielsweise die berühmte kleine „Landschaft von Pont-Aven“, genannt der „Talisman“, die Paul Sérusier unter der Anleitung von Gauguin gemalt hat. Weiter fünf Bilder von Emile Bernard, dessen entscheidende Rolle als Initiator sowohl für die Nabis wie für Gauguin erst durch neuere Untersuchungen geklärt wurde, eine wundervolle Zeichnung von Odilon Redon, die kürzlich im Clemens-Sels-Museum in Neuß zu sehen war, zwei aquarellierte Theaterprogramme von Bonnard, fünf Bilder von Maurice Denis, für den die Galerie eine Kollektivausstellung vorbereitet, ein Gemälde und drei Bronzen von Maillol, zwei Bronzen von Gauguin und Arbeiten von Valloton, Schuffenecker, Ranson, Lacombe, Roussel, zwei Studienblätter von Puvis de Chavannes. Das erhebliche Niveaugefälle geht nicht ausschließlich zu Lasten der Galerie. Es entspricht dem Charakter der Nabis-Gruppe, der auch drittrangige Künstler angehörten, und auch die führenden zeigen in ihren Bildern erstaunliche Unterschiede in der Qualität. Die Ausstellung dauert bis zum 10. Januar. Gottfried Sello