Es gibt keine vollständige deutsche Gogol-Ausgabe, auch nicht in dem relativen Sinne, in dem Ausgaben fremdsprachiger Autoren noch vollständig genannt werden können, das heißt, wenn in der Übersetzung all das Zufällige und Fragmentarische fehlt, auf das eine muttersprachliche Ausgabe bei wissenschaftlichem Anspruch nicht verzichten darf. In sämtlichen deutschen Ausgaben, die der Anlage nach Vollständigkeit anstreben, fehlen nicht nur die interessanten Aufsätze Gogols über Malerei, Musik und besonders Architektur, es fehlen vor allem die „Ausgewählten Stellen aus dem Briefwechsel mit Freunden“ – jenes „beinahe merkwürdigste Buch“, Gogols „liebstes Kind“. Ohne diese teils echten, teils fiktiven Briefe bleibt ein wesentliches Element des Gogolschen Wesens und Denkens im verborgenen, und die ohnehin schon zahlreichen Mißverständnisse und Fehldeutungen wuchern weiter.

Jedem, der zu einem Gesamtbild Gogols vorzudringen wünscht, sei daher als Ergänzung zu den größeren Ausgaben der im Ellermann Verlag erschienene Band „Nikolai Gogol – Sein Vermächtnis in Briefen“ empfohlen.

Das erzählende Werk Gogols liegt vollständig vor in den zwei Einzelbänden des Winkler-Verlages. Der Band „Sämtliche Erzählungen“ führt seinen Titel zu Recht – er enthält als einzige Ausgabe die wichtigeren Fragmente des „Hetman“ und das „Rom“ überschriebene Bruchstück des Annunciata-Romans. Der Band „Die Toten Seelen“ gibt auch von diesem Werk alles geschlossen Überlieferte.

Nach Winkler hat auch Kiepenheuer & Witsch einen großen Teil der Erzählungen und die „Toten Seelen“ in je einem künstlerisch ausgestatteten Großband herausgebracht, jedoch fehlen in dem Erzählungsband außer dem Vorwort zum zweiten Teil der „Abende auf dem Vorwerke bei Dikanjka“ drei von den vier Erzählungen aus „Mirgorod“, das nur durch den „Wij“ vertreten ist, und von den Novellen „Die Kalesche“, während „Die toten Seelen“ vollständig sind.

Eine gewisse Vollständigkeit ergibt sich auch, wenn man die vier Goldmann-Taschenbücher zusammennimmt. Die „Abende“ sind – in der gleichen Übersetzung wie bei Kiepenheuer & Witsch – vollständig, sogar mit dem zweiten Vorwort; die „Novellen“ enthalten „Nase“, „Porträt“ und „Mantel“. „Die toten Seelen“ enthalten nur den ersten Teil,

Neben diesen vier mehr oder weniger vollständigen Ausgaben gibt es zwei Sammlungen, die sich bewußt auf bestimmte Teile des Werks beschränken. Die „Meistererzählungen“ bei Manesse bieten aus den „Abenden“ die ersten sechs von acht Erzählungen, aus „Mirgorod“ nur den „Wij“ und von den Novellen nur „Nase“ und „Mantel“. Thematische Gesichtspunkte bestimmen die Auswahl der „Petersburger Novellen“ in Fischers Exempla classica, worin von den sechs gewöhnlich als Novellen bezeichneten Werken „Die Kalesche“ – diesmal begründet – nicht aufgenommen ist.

Von den Einzelausgaben der „Toten Seelen“ bringen beide Teile Rowohlts Klassiker und der Paul List Verlag; auf den zweiten Teil verzichten die Artemis-Bibliothek und der Kösel-Verlag.