Literarische Ausgrabungen haben auch für die Jugendbuchlektoren ihren Reiz. Herbert Kranz, seit Jahren nicht bescheiden, wenn es darum geht, aufs hohe Roß zu steigen, erklimmt nach Cooper, Defoe, Scott und Stevenson nicht mindere Höhe, wenn er in schöner Zurückhaltung seinen Namen dem des größten iranischen Nationaldichters voranstellt (Perser hört man ja nicht mehr so gern) –

Kranz/Firdausi: „Der Elfenbeinthron“; Herder Verlag, Freiburg; 192 S., 7, 80 DM.

„Der Paradiesische“, Abu’l-Oasem Mansur ben Hasan nennt ihn die Literaturgeschichte, führte ein bewegtes Dasein, erlebte Glanz, Glück und Elend eines um Gunst und Geld Schreibenden. Legenden und Anekdoten spannen sich schon zu Lebzeiten um ihn. Sie sind vor allem mit seinem gigantischen, aus Tausenden von Versen bestehenden Hauptwerk, dem „Buch der Könige“, verbunden, das um das Jahr 1000 entstand. Das als schäbig empfundene Honorar soll der Dichter an einen Limonadenverkäufer und einen Bademeister verschenkt haben – um dann schleunigst das Weite zu suchen.

Aus dem unübersehbaren orientalischen Erzählgeflecht hat Herbert Kranz einige Hauptfäden herausgelöst und zu einer Erzählung neu verknüpft. Offenbar soll sie sein Lieblingsthema – Macht und Moral – illustrieren helfen. Aufstieg und Fall der Großen, nach den Kleinen wird weniger gefragt; sie dürfen sich geduldig hinmetzeln lassen, wie überhaupt der Heldentod in mannigfacher Weise begegnet, aber auch Schlimmeres. Laut morgenländischer Weisheitslehre heißt es dann schlicht: „... den Wechselfällen des Lebens entrückt.“

Dazu wird mit Greueln nicht gegeizt, da wird erdrosselt, erschlagen, erstochen, halbiert, gehenkt, gehängt; mit Enthaupten ist man flink bei der Hand. Da gibt es im Kranzschen Kurzbackverfahren Attentate, Intrigen, Machtkämpfe; nebenbei wird wieder ein Kopf abgeschlagen, wird geblendet, giftgemordet – und die Nachtigallen trällern dazu.

Bahram der Rebell ist Hauptheld der Aktionen, die sich in die Weiten Arabiens, der Mongolei, des Tatarenreiches, Innerasiens und der Türkei erstrecken. Was in billigerer Version des „Western“ durch schlichtes Fortlaufen und Verfolgen nebst zugehörigen Geräuschen geboten ist, bringt in Wild-Ost gleich ganze Heere mit Bannern, mächtigen. Pauken und Schwertern, Pferden, Säbeln und Dolchen in Aktion.

Ein Streiflicht fällt auch auf die Landschaften sowie die Berührung von Orient und Okzident. Dominierend bleiben jedoch die Gewalttätigkeiten, und bei aller Verehrung vor dem Dante des Ostens zittern wir etwas beim Gedanken an den Leser ab 12 Jahren, der minder stabile Nerven aufzuweisen hat als der alte und ehrwürdige Firdausi. t. n.