Vergangenen Sommer galt Ron Clarke als der größte Leichtathlet der Welt. Hatte er neunzehn oder zwanzig Weltrekorde gebrochen? Ich habe es bereits vergessen, da ja inzwischen Keino oder einer der jungen Amerikaner bereits Anspruch auf diese Ehrung erhebt. Clarke läuft bereits seit zehn Jahren und möchte seine Karriere mit einer Goldmedaille in Mexiko beenden, wenn er älter als 30 Jahre sein wird.

Jetzt hat er ein Buch geschrieben, „The unforgiving minute“ (Pelham, 30 sh), das eine Sportphilosophie enthält. Clarke, der die olympische Flamme in Melbourne angezündet hat, verschwand sehr bald von der Bildfläche, um sich erst einmal die soziale Grundlage zu sichern, die ihm den sportlichen Aufstieg garantieren sollte, also genau das umgekehrte Verfahren, wie es sonst bei der Geburt eines Stars üblich ist. Clarke ist ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann geworden, der für eine Reihe von Sportartikelfabriken tätig ist, so daß die fällige Preisfrage nach seinem Amateurstatus gar nicht erst gestellt werden braucht. In seinem Buch legt Clarke dar, warum er keinen Coach besitzt und trotzdem Weltrekorde laufen kann. Diese fundamentale Feststellung widerspricht natürlich dem Berufsethos des Coaches, der überzeugt ist, Meister der Aschenbahn fallen nicht vom Himmel, sondern werden ausschließlich im Schweiße seines Angesichts geschaffen. Clarke belehrt sie eines besseren und zeigt erneut, daß es weder Massageöl noch Trainerweisheit sind, die Weltrekorde schaffen, sondern der unbändige Wille eines Individualisten, um jeden Preis, rücksichtslos gegen sich und den Gegner, gewinnen zu wollen. Ron Clarke entpuppt sich als ein Vertreter der Übermensch-Theorie, als nicht unbedeutender Nietzsche der Aschenbahn. Das Buch weist ganz entschieden nach, daß die Behauptung Unsinn ist, die neulich aufgestellt wurde: „Natürlich hat Clarke Freude an seinen Weltrekorden, aber nur, weil sie eine Frucht seiner Freude am Laufen sind, ein Nebenprodukt, das für die Journalisten und die Statistiker natürlich das Hauptprodukt ist.“ Wer sein Buch liest, erkennt die Naivität dieser Feststellung. Wer so fanatisch trainiert und läuft, für den ist der Lauf eine Besessenheit, das Hauptprodukt seiner Existenz.

Man wünschte nur, daß dieser erfolgreiche Manager von Sportfabrikprodukten das Buch selbst geschrieben und es nicht einem australischen Journalisten erzählt hätte. Es ist manchmal schwer, zwischen der Realität von Ron Clarke und der Phantasie journalistischer Treibhausatmosphäre zurechtzufinden. A. N.