Von Gottfried Sello

Otto Dix wird am 2. Dezember 75. Seine Geburtsstadt Gera bat ihn zum Ehrenbürger ernannt. In Hamburg wird er am 8. Dezember im Kaisersaal des Rathauses den Lichtwark-Preis entgegennehmen, am Tage darauf wird der Hamburger Kunstverein eine große Dix-Retrospektive eröffnen.

Dix lebt in Hemmenhofen am Bodensee. Jedes Jahr fährt er nach Dresden, wo er seine Lithographien druckt, die Dresdener Künstler sind stolz, daß er zu ihnen kommt, sie betrachten ihn als einen von den ihren. Dix ist der einzige Maler, der in beiden Teilen Deutschlands zu Hause ist, der in der Bundesrepublik und in der DDR ausgestellt und offiziell geehrt wird. 1955 wird er Mitglied der Akademie der Künste in Berlin (West), 1956 korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie der Künste in Berlin (Ost). 1957 wird er Ehrensenator der Hochschule für bildende Künste in Dresden, an der er früher unterrichtet hat. 1959 erhält er das Große Bundesverdienstkreuz. 1959 ist in Hannover eine relativ kleine Monographie von Otto Conzelmann erschienen, 1960 in Dresden eine umfassende Darstellung "Leben und Werk" von F. Löffler.

Der Applaus von beiden Seiten wird nicht nur dem Künstler, er wird allen angenehm in den Ohren klingen, die sich die Illusion einer unteilbaren, ungeteilten gesamtdeutschen Kunst bewahren möchten. Aber der Applaus klingt hüben und drüben unterschiedlich. Er gilt im Osten dem engagierten Künstler, der Dix vor vierzig Jahren gewesen ist, er gilt dem Mut, mit dem er damals die Fassade, hinter der sich die bürgerliche Gesellschaft installiert hatte, zerfetzte, er gilt seiner brutalen Thematik, während der Westen ihn für bestimmte Stiltendenzen der zwanziger Jahre, für "Neue Sachlichkeit" oder den für Dix inadäquaten, verqueren Begriff des "Magischen Realismus" in Anspruch nehmen möchte. Noch unverbindlicher nennt Herbert Read ihn "den überragenden Realisten des deutschen Expressionismus". Nur in einem Punkt sind Osten und Westen sich einig. Sie applaudieren dem Dix der zwanziger und, sehr viel leiser, dem der dreißiger Jahre. Seiner Nachkriegsproduktion stehen sie mit einiger Verlegenheit gegenüber, aus unterschiedlichen Gründen.

Drüben vermißt man die radikale Thematik, den "bösen Blick". Statt die bundesrepublikanische Gesellschaftsstruktur kritisch zu durchleuchten, malt der alte Dix den Winter am Bodensee und Blumensträuße, oder, noch peinlicher, er begibt sich auf religiöses Terrain, malt "Christus am Ölberg" und "Ecce Homo" und illustriert das Matthäus-Evangelium: ein Revolutionär, der sich aufs Altenteil zurückgezogen, der seinen Frieden mit der Welt und mit Gott gemacht hat.

Im Westen hat man gegen seine Friedfertigkeit nichts einzuwenden, aber man registriert, daß die veränderte Haltung ihm künstlerisch schlecht bekommen sei. Die Ursachen für diese Entwicklung liegen bei Dix weniger in biologischen Prozessen, sondern primär und am Werk ablesbar in der Zeitgeschichte, in der grausamen Problematik eines zur "inneren Emigration" Gezwungenen. Die Nationalsozialisten haben Dix mit ihrem Haß verfolgt, sie haben ihn von der Dresdener Akademie gejagt. Dix hat nicht einen Augenblick mit ihnen paktiert, er ist an den Bodensee ausgewichen, erst nach Schloß Randegg, dann nach Hemmenhofen, und der unfreiwillige Eremit geriet in Bezirke, die seiner Aggressivität gänzlich ferngelegen hatten. Statt von der Großstadt sah er sich von Natur umgeben, er begab sich in die Landschaft und in die innere, die religiöse Sphäre, und er gelangte, bei der Flucht aus der Gegenwart, in die Nähe der altdeutschen Malerei. Sein Freund George Grosz emigrierte nach Amerika, und es ist ihm drüben künstlerisch noch viel schlimmer ergangen als Dix, der in Deutschland blieb.

Trotz aller offiziellen Ehrungen ist Otto Dix, auch der frühe Dix, bisher erheblich unterschätzt worden. Nicht das politische Engagement stand seinem Ruhm im Wege, sondern die penetrante Gegenständlichkeit, dieser in der deutschen Malerei des 20. Jahrhunderts beispiellose Realitätsfanatismus, mit dem er das Motiv anging und auf die härteste Form brachte, der zwischen schön und häßlich keinen Unterschied machte, der das Elend nicht verherrlichte oder poetisch verklärte, sondern neutralisierte.

Seine Malerei ist von eklatanter Nüchternheit, sie bedeutet, nach den ekstatischen Hymnen der Expressionisten, die Rückkehr zur Prosa. Poetische, visionäre, mythische oder formalästhetische Qualitäten, die in der Kunst und Kunstbetrachtung nach 1945 das allgemeine Interesse beanspruchten, wird man bei Dix vergeblich suchen. Die Expressionisten, die Bauhausmeister, Beckmann, die Surrealisten gerieten ins Rampenlicht, Dix blieb bis in die sechziger Jahre unbeachtet, im Dunkel, ohne Resonanz. Es sieht ganz danach aus, als sei jetzt, wo er 75 wird, seine Stunde gekommen.