Als Brendan Behan 1962 im Alter von einundvierzig Jahren in einem Dubliner Krankenhaus starb (Diagnose: chronischer Alkoholismus und Diabetis), da trat auch das bis zum Überdruß strapazierte Klischee des sogenannten professional Irishman“ von der Weltbühne ab, jenes rostig gewordene und längst überholte Image, das man am Piccadilly und Broadway als „typisch irisch“ immer noch auf die Rampe bringt und verkauft. Genau das, was man sich unter einem Iren nach altem Muster vorstellte, verkörperte Behan. Er war Rebell, Witzbold, Chaotiker, Clown, Poet und Säufer, und es fiel ihm nicht schwer, der Welt den Gefallen zu tun und ihr vorzuführen, was sie sehen wollte. Diese Rolle, die er bewußt und mit Augenzwinkern parodierte, war ihm wie auf Maß zugeschnitten. Er brauchte nur sich selbst zu spielen.

Mit einem „zu großen Herzen“ auf die Welt gekommen, litt er das Schicksal aller Dichternarren, die an der Welt nur leiden können, um schließlich an diesem Leid zugrunde zu gehen. Dylan Thomas, Eugene O’Neill, Scott Fitzgerald waren seine größeren Brüder, die sich jedoch bis zuletzt trotz aller Misere noch an ihr Werk klammern konnten. Behan hingegen fiel die Feder aus der im delirium tremens zitternden Hand; er mußte seine drei letzten Bücher aufs Tonband diktieren und die unpublizierten Texte einem ordnenden Freund anvertrauen.

Sein Leben war untrennbar mit seinem Werk verschmolzen. Bald trat der Clown vor den Menschen, bald das Kind vor den Narren – man wußte nie genau, wie bei allen echten Komödianten und Schelmen, wo das Spiel aufhörte und wo es begann. Solange das Spiel währte, war er der begabte Akteur in seinem besten Stück, das er nicht geschrieben, sondern nur gelebt hatte.

Er war sechzehn, als er von der I. R. A., einer extremistischen irischen Bewegung, mit einem Sabotageauftrag nach Liverpool geschickt wurde. Er sollte ein britisches Kriegsschiff in die Luft sprengen. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden schnappte man ihn und warf ihn ins Jugendgefängnis. Seine Erlebnisse im Knast schlugen sich in der weltberühmten Komödie „The Quare Fellow (Der Mann von morgen früh) nieder und in der seit 1963 auch in deutscher Übertragung vorliegenden autobiographischen Erzählung „Borstal Boy“.

Was Behan während dieser Jahre beginnender Reife widerfuhr, wurde ausschlaggebend für seine spätere Einstellung und für den Ton seiner Prosa und Bühnenstücke. Die katholische Kirche hatte von ihm verlangt, er sollte die Ziele der Geheimorganisation als Teufelswerk verdammen, seinen Vater, seine Freunde, die Welt, in die er hineingeboren war, denunzieren. Brendan, der unreife, verführte Knabe, weigerte sich trotzig und wurde exkommuniziert.

Für ihn war das gleichbedeutend mit „von Gott verstoßen sein“.

Aber dann begann die Welt, an die er geglaubt hatte, völlig aus den Fugen zu geraten. Während seiner Gefängnisjahre mußte er einsehen lernen, daß die von ihm so gehaßten Engländer im Alltag eigentlich sehr freundliche, nette Menschen waren, viele unter ihnen humaner und verständiger als seine fanatischen, engstirnigen Landsleute. Gefängniswärter und Knastgefährten waren Menschen wie er, mit denen man reden und lachen konnte. Welche Verblendung, welche Lüge, welche satanische Gemeinheit war dieser ihm anerzogene Haß!