Wally S. hat auf den Bericht über seine "Hamburger Rumpelkammer" (ZEIT Nr. 45) einen Brief aus München bekommen. Darin stellte sich ein Student als Sammler von Nazi-Ehrenzeichen, -Uniformen, -Dolchen und -Orden vor, und er bat gegen Zahlung von hundert Mark um die Adresse des erwähnten amerikanischen Antiquitätenhändlers, der für solche Ware Höchstpreise zahle.

Wally S. zögert noch, ob er auf das Angebot eingehen soll; er fragt sich, wer ihm damit vielleicht eine Falle stellen will. Außerdem erfuhr er, daß des Artikels wegen in amerikanischen Kantinen in Frankfurt a. M. Unruhe herrsche; einige Sammler fürchten Preiserhöhungen, die auch die kleinen "Andenkenjäger" träfen. Im übrigen sei ihr Interesse für alte Nazisachen völlig unpolitisch.

Wally S. zeigte mir dann einen "Pour le Mérite". Ein junger Mann hatte ihn gebracht, um ihn zu tauschen: gegen einen kleinen "Hoheitsadler", der vor 1933 von alten Kämpfern unter dem Rockaufschlag getragen worden ist, und gegen einige seltene SS-Abzeichen. Als ich mich erkundigte, wie teuer die schwarze Tafel mit der Aufschrift "Hier spricht die NSDAP" ist (solche Tafeln mußten die Blockwarte damals in Treppenhäusern aufhängen), meinte er: "Ich werde es amerikanischen Händlern anbieten, drüben hängt sich ein Witzbold die Tafel womöglich an seine Haustür und läßt sich das hundert Dollar kosten.

Wally S. macht sich seit drei Wochen Gedanken darüber, warum immer mehr junge Leute, die alle ganz intelligent seien, Abzeichen und Uniformen kaufen und fast jedesmal darauf hinweisen, daß bald wieder bessere Zeiten kämen. Sie betrachten den Erwerb dieser Stücke oft auch als Kapitalanlage. Wally S. war schweigsamer als letztes Mal.

Was er mir wahrscheinlich verschwiegen hatte, sagte mir kurz darauf ein Herr am Telephon, ohne sich erst lange vorzustellen: "Eine Fabrik in Westdeutschland kopiert Wehrmachts- und Luftwaffendolche und bringt sie in den Handel. Ernsthafte deutsche Sammler merken das zwar sofort, doch Ausländer kaufen meist unbesehen." Sicher, so fuhr er fort, hätte ich inzwischen gehört, daß neuerdings SA-Hemden in Heimarbeit hergestellt würden. Zuerst habe er den Verdacht gehabt, sie kämen aus Spanien. Was dagegen mit ziemlicher Sicherheit dorther käme, wären für anspruchsvolle Sammler höchst begehrenswerte Nazidokumente der Justiz, der Sicherheitspolizei und hoher Parteidienststellen; um Fälschungen handele es sich dabei bestimmt nicht.

Übrigens tauchten in letzter Zeit Originalstempel deutscher Dienststellen in den ehemals besetzten deutschen Ostgebieten und Mitteleuropa und selbst in Norwegen auf. Von Fälschungen könne vorläufig nicht die Rede sein, und das Auslandsinteresse daran überwiege.

Ein anderer Anruf war auch anonym: "Glauben Sie etwa", fragte ein Mann, "daß NPD-Mitglieder solche Sachen kaufen? Die gehen hauptsächlich ins Ausland; da sitzen die Nazis, und uns wirft man vor, welche zu sein."