Von Lilo Weinsheimer

Ein Wissenschaftler stand am Pult und sprach von der Zukunft. Jost Krippendorf vom Forschungsinstitut für Fremdenverkehr der Universität Bern malte eine Apokalypse: „Im Jahre 1980 werden 560 Millionen Einwohner der OECD-Staaten, darunter 100 Millionen junge Leute, fast gleichzeitig ausschwärmen, um Urlaub zu machen. Wenn die stiefmütterliche Behandlung des Tourismus anhält, ist eine Katastrophe unvermeidlich.“

In „wertfreier Atmosphäre“, so Akademiedirektor Pastor Werner Brölsch, nahmen 70 Tourismusexperten, Reiseleiter, Sozialpädagogen und Wissenschaftler in der Evangelischen Jugendakademie Radevormwald (Rheinland) vier Tage lang unter die Lupe, was zum Erstaunen vieler fast allen am Tourismus interessierten Kreisen unter den Nägeln brennt: „Pädagogische Probleme des Jugendreisens.“

Innerhalb von drei Jahren hat sich eine lautlose Revolution vollzogen. Noch 1963 war im gleichen Akademiesaal zensierende Kritik zu hören über unangemessene Komfortsucht und mangelnden Bildungswillen junger Touristen, es gab redliche Empfehlungen für ein „Zurück zur Natur“. Davon sprechen heute nicht einmal mehr konfessionelle Reisedienste.

Im November 1966 wirkt die jugendbewegte Stimme eines Ferienwerkmannes aus Österreich, die von „Jugendreichen“ und „jugendgemäß abgestimmten und ausgerichteten Mozartsonaten“ schwärmt, wie der rührend dissonante Sphärenklang von einem andern Stern. Vor drei Jahren wäre mit diesem Mann noch diskutiert worden. Jetzt war man nur noch nett zu ihm.

Man nimmt ohne Wertung zur Kenntnis, was der 1961 gegründete Studienkreis für Tourismus erforschen ließ: Das Komfortbedürfnis junger Touristen ist dem der Erwachsenen angepaßt. Transport per Flugzeug, Forderung nach einem erstklassigen Service am Zielort sind für die 18- bis 25jährigen so selbstverständlich wie für ihre Eltern. Die elf größten von 30 Jugendreiseorganisationen haben im vergangenen Jahr 150 000 junge Leute in alle Länder befördert, rund 50 000 mehr als zwei Jahre zuvor. Von einer Million junger Touristen ist 1962 ein Viertel mit Reisebüros ins Ausland gefahren. Die Reiseintensität der Jungen ist größer als es ihrem Bevölkerungsteil entspricht und nimmt ständig zu.

Zwei extreme Reisearten sind ins Stadium der Tristesse geraten. Jene, die jungen Reisenden am Zielort feste, verpflichtende Programme aufdrängt, und die andere, die Transport- und Hotelservice für ausreichend hält und ihre Kunden im fremden Land sich selbst überläßt. Beide wurden ihres Lebens nicht recht froh und sind nun, geläutert durch Verdruß, zu einträchtig Suchenden nach dem goldenen Mittelweg geworden.