Als der Krieg vollends zum Weltkrieg wurde

Von Alexander Rost

Ein Wort nur meldete der Korvettenkapitän Mitsuo Fuchida über Kurzwelle: „Tiger... Tiger... Tiger...“ Das Codewort „Tiger“, japanisch „Tora“, bedeutete: Die Überraschung ist völlig gelungen. Am wolkenlosen Himmel war kein fremdes Flugzeug zu sehen. Auf der Erde zuckte kein Mündungsfeuer auf. Nichts rührte sich auf den acht Schlachtschiffen im Hafen, die er durch das Glas beobachtete. Mitsuo Fuchida („Ich selbst saß in der vordersten Maschine“) führte die 183 Bomber, Jäger, Torpedo- und Sturzkampfflugzeuge, die vor fünf Minuten als erste Welle die weiße Linie der Brandung zwischen Ozean und Insel überflogen hatten.

Seine lakonische Meldung ging an die „Akagi“, das Flaggschiff des rund 250 Seemeilen nördlich von Oahu durch rauhe See stampfenden Flugzeugträger-Verbandes. Auf dem Schlachtschiff „Nagato“ wurde sie mitgehört. Die „Nagato“ lag Tausende von Seemeilen entfernt auf Reede vor Hashirajima in der westlichen Inlandsee Japans (gar nicht so weit nördlich davon liegt die Stadt Hiroshima). Sie war Flaggschiff des Flottenchefs Yamamoto. Die Stabsoffiziere ließen ihrem sonst ins Korsett der Disziplin gezwängten Temperament freien Lauf und gerieten in Siegesrausch. In der Tat meldete „Tiger“ einen Sieg, noch bevor der erste Schuß und die erste Bombe gefallen waren.

Um 7.53 Uhr wurde die Meldung abgegeben. Die erste Bombe detonierte ein paar Sekunden vor 7.55 Uhr. Wenn man es so dramatisch terminieren will, dann war in diesem Augenblick der Krieg zum Weltkrieg geworden. Ein Vierteljahrhundert ist das jetzt her, daß Pearl Harbor, Kriegshafen und Armeestützpunkt der Amerikaner auf den Hawaii-Inseln, von den Japanern überfallen wurde: am 7. Dezember 1941 auf amerikanischer und am 8. Dezember 1941 auf japanischer Seite der Datumsgrenze im Stillen Ozean. Welches Kalenderblatt auch immer abgerissen wurde – es war, wie’s sonst nüchterne Historiker formuliert haben, „der dramatischste Tag der Geschichte“ und „the day of infamy“, wie ihn Roosevelt, um das politisch-psychologisch zündende Wort nicht verlegen, in seiner Kriegsrede vor den Parlamentariern im Capitol in Washington nannte.

Rache – der Schock blieb

Anders als seine Stabsoffiziere, hat Yamamoto, als er die „Tiger“-Meldung erhielt, nicht gejubelt. Er hatte diesen Krieg nicht gewollt und hatte dann den Plan, Pearl Harbor zu überfallen, gegen den Widerstand der zum Kriege entschlossenen Männer in Tokio durchsetzen müssen. Kaum anderthalb Jahre danach ist er gefallen; während eines Besichtigungsfluges zu den Bougainville-Basen wurde er am 18. April 1943 von amerikanischen Fernjägern, die auf Guadalcanal gestartet waren, abgefangen und abgeschossen. „Unternehmen Rache“ hieß diese Aktion, die den Amerikanern möglich war, weil sie japanische Funksprüche entschlüsseln konnten. Die Rache hat freilich den Schock von Pearl Harbor nicht behoben. Noch heute wirkt er nach.