Hätten wir doch nur auf die Sachverständigen gehört! Diesen Stoßseufzer wird heute mancher Parteigänger Ludwig Erhards ausstoßen, der vor einem Jahr noch beflissen der Verdammung der „Fünf Weisen“ durch den Kanzler Beifall geklatscht hat.

Man erinnert sich: Der Sachverständigenrat hatte in seinem Gutachten für 1966 eine „konzertierte Aktion“ vorgeschlagen. Um die Überforderung der Wirtschaft und den daraus resultierenden Preisauftrieb zu dämpfen, sollten alle Beteiligten – Staat, Unternehmer und Arbeitnehmer – ihre Ansprüche an das Sozialprodukt gleichmäßig zurückschrauben. Ziel: „Stabilisierung ohne Stagnation.“

Ludwig Erhard hat seinerzeit dieses Konzept als „zu mechanistisch“ verworfen. Nun gut: Politiker sollen nicht zu Erfüllungsgehilfen von Experten degradiert werden. Nur hätte dann die politische Führung ein Alternativprogramm vorlegen müssen. Aber in Bonn geschah nichts – und statt dem von Erhard versprochenen „ganz schnellen Inflationsabbau“ sind wir der Stagnation viel näher gekommen als der Stabilität.

Heute sehen diese Sachverständigen – wie vor ihnen schon die wirtschaftswissenschaftlichen Institute – unsere Wirtschaft in die Flaute steuern. Die Losung für 1967 lautet: Wir brauchen „kontrollierte Expansion“.

Auf den ersten Blick könnte man den Eindruck gewinnen, die Sachverständigen würden sich mit ihrem Ruf nach „mehr Wachstum“ den Kritikern der Restriktionspolitik zugesellen. Aber bei der Lektüre des Gutachtens zeigt sich, daß die Wissenschaftler die gleichen Voraussetzungen erfüllt sehen wollen wie die Direktoren der Bundesbank. Die wichtigsten Bedingungen des Sachverständigenrates: eine „vertrauenerweckende Finanzpolitik“ und eine Einkommenspolitik, die „das Kostenniveau neutral“ hält.

Die Sachverständigen beurteilen die Lage so ernst, daß sie diesmal nicht mehr durch eine weiche Landung abbremsen, sondern hart aufsetzen wollen. Ihre Forderung: Die Löhne dürfen 1967 im Schnitt nicht mehr als vier Prozent steigen. Gewiß ist es unbefriedigend, daß die Arbeitnehmer – bei zwar vermindertem, aber doch spürbarem Preisauftrieb – im nächsten Jahr so nur über ein geringfügig höheres Realeinkommen verfügen würden. Aber in einer Situation, in der die Industrieproduktion niedriger als im Vorjahr ist und die Aufträge immer weniger werden, kann niemand es den Gewerkschaften ersparen, vor die Alternative gestellt zu werden: Entweder ihr akzeptiert für ein, zwei Jahre einen drastisch reduzierten Lohnauftrieb – oder ihr nehmt Hunderttausende, vielleicht mehr Arbeitslose in Kauf.

Die Sachverständigen warnen: Wenn das Wachstum erlahmt, kann der Staat lebensnotwendige Infrastrukturaufgaben nicht erfüllen und die Industrie im technischen Fortschritt nicht mithalten. An Bonn und an den Gewerkschaften liegt es nun, die Voraussetzungen für den Aufschwung im nächsten Jahr zu schaffen.

Diether Stolze