Von Joachim Schwelin

Washington, im November

Die NPD ist bei den Amerikanern zum Gesprächsthema geworden. Sobald sie einen am deutschen Akzent identifiziert haben, kommen sie geradewegs auf das zu sprechen, was die Bundesrepublik außer Heidelberg und Sauerkraut in ihrem Gedächtnis frisch eingeprägt hat: „Wie beurteilen Sie als Deutscher die Neo-Nazis? Glauben Sie, daß die deutsche Demokratie ihnen standhalten wird?“

Die Erklärung, daß die Nationaldemokratische Partei ein differenzierteres Phänomen darstellt als bloß eine Neuauflage der NSDAP, und der Hinweis, schließlich wählten immer noch neunzig Prozent der Deutschen gut demokratische Parteien, werden wohlwollend und höflich aufgenommen, scheinen aber keine große Überzeugungskraft zu haben. Die acht Prozent Stimmen für die NPD faszinieren die Amerikaner mehr als irgendein anderer Vorgang in der Bundesrepublik. Sogar die lange Regierungskrise in Bonn, das Puzzlespiel der Kombination und Koalitionen verblaßt dahinter. Allenfalls wird noch die Frage gestellt: „Kommt Strauß wieder hoch?“

„Sie müssen sich vorstellen, daß dies unser brauner backlash ist, wie Sie Ihren weißen backlash im eigenen Hause haben“ – dieser Vergleich kommt bei den einfachen Amerikanern gut an, vielleicht gerade, weil er so sichtbar hinkt. Anders steht es freilich mit den Leuten in den Regierungspositionen und der gebildeten Oberschicht. Seit 1945 haben sie – sei es unter dem Zwang des Kalten Krieges, sei es in dem Bemühen um eine weitsichtige, vorurteilsfreie Rehabilitierung des zertrümmerten Deutschland – daran mitgewirkt, die Bundesrepublik erstehen zu lassen und ihre Existenz zu sichern. Sie haben, sich oft aus gebotener Opportunität nach außer, von Pauschalurteilen und summarischen Fehlurteilen über die Deutschen distanziert. Aber in ihrem Inneren sind sie den Schauder vor dem Verwesungsgeruch, den das Dritte Reich hinterließ, niemals ganz losgeworden. So sehr sie auch ihre Reaktionen auf eine Renaissance des Rechtsradikalismus in der Bundesrepublik rational zügeln, so sehr sind sie doch befremdet und besorgt. Wie leicht könnten sie darauf hinwirken, einen „neuen deutschen Nationalismus“ als Alibi für eine Distanzierung der USA von der Bundesrepublik zu verwenden? Sie registrieren mit besonders scharfem Ohr, wie in der Propaganda der NPD gegen die angebliche Überfremdung der deutschen Wirtschaft mit amerikanischen Kapital und die Oberherrschaft der Besatzungsmächte gewettert wird.

Noch ist die amerikanische Regierung weit davon entfernt, aus dem Ruck nach rechts in der Bundesrepublik irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Die Erosion der CDU, das erbarmungswürdige Abkippen Ludwig Erhards in die Bedeutungslosigkeit, die Suche nach einer neuen Koalitionsbasis, das deutsche Trauma vom Verrat der Verbündeten und der Aufstieg der Nationaldemokraten – all diese Vorgänge werden als ein zusammenhängender Prozeß gesehen, der in dieser oder jener Form, als Folge des Überganges der Bundesrepublik aus der geschützten Abhängigkeit in die politische Selbstverantwortlichkeit, in jedem Fall unvermeidlich gewesen wäre.

Die sachlichen und nachdenklichen Interpreten des ceutschen Geschehens und der amerikanischen Haltung – Kolumnisten wie Kraft, Sulzberger oder Lippman – sind sich in einem ziemlich einig. Sie erwarten in Bonn mehr als eine Wachablösung: einen Wechsel der politischen Führungsgeneration, wie der politischen Sachinhalte. Sie verschweigen nicht, daß Washingtons Schwanken gegenüber Bonn, das bald zur vollen Gleichberechtigung sogar im nuklearen Kräftespiel angehoben werden sollte, bald als Vasall der amerikanischen Allianzpolitik benutzt wurde, zu den jetzigen Erschütterungen beigetragen hat. Und sie unterstellen, die Deutschen hätten nicht ohne bewußte Selbsttäuschung Wiedervereinigungs-Illusionen aufrechterhalten, die sich aus einer längst zerfallenen und abgestreiften westlichen Deutschlandpolitik ergaben. Die neue deutsche Generation, so glauben sie, wird versuchen, auf eigenen Füßen zu stehen, doch sind sie sich auch sicher, daß diese Generation lange taumeln wird, ehe sie festen Stand gewinnt.