Bereit zu edlen und tugendhaften Handlungen und entschlossen, nur Großes und Originelles zu schaffen, hatte er es mit 38 Jahren noch immer zu nichts gebracht. Alles mögliche hatte er schon versucht, seit er mit sechzehn aus der Uhrmacherlehre weggelaufen war. Er arbeitete als Kupferstecher, als Musiklehrer und Notenschreiber, als Sekretär in diplomatischen Diensten, als Lakei und Hauslehrer; er begann zu komponieren und zu schreiben. Und bei all dem ließ er auch die Liebe nicht zu kurz kommen; Frauen hatten ihn schon ziemlich bald interessiert. Und auch jene Dame, die – zwölf Jahre älter als er – sich seiner annahm und auf deren Kosten er mehrere Jahre, lebte, wohnte und sich bildete, war schließlich seine Geliebte geworden.

Eines Tages jedoch hatte er eine junge Hausangestellte kennengelernt, ein – wie er später schrieb – „gefühlvolles, schlichtes und jeglicher Gefallsucht bares Mädchen“. Die etwa 22jährige konnte kaum schreiben, noch richtig lesen, ja sie kannte nicht einmal die Uhr (und es gelang ihm auch nicht, ihr das Zifferblatt verständlich zu machen), ebensowenig wußte sie sich die Reihenfolge der zwölf Monate zu merken, und nicht einmal Geld zählte sie richtig. Kurz, sie war – so sagte er – eine „personne stupide“, ein dummes Frauenzimmer. Ihm aber gefiel sie; er sah in ihrem Geist die „unberührte Natur“, und er erklärte sich bereit, mit ihr zu leben, allerdings ohne sie zu ehelichen: „Ich sagte ihr im voraus, daß ich sie niemals verlassen, aber auch niemals heiraten würde.“

Anfangs versuchte er, der sich allmählich ein beträchtliches Wissen angelesen hatte, „ihren Geist zu bilden“, aber „das war verlorene Mühe“. Auch stand ihm. der Sinn offenbar mehr nach Zärtlichkeit: „Unsere süße Gemeinschaft ersetzte mir alles andere: die Zukunft kümmerte mich nicht mehr oder doch nur noch als eine verlängerte Gegenwart, denn ich trug nach nichts anderem mehr Verlangen als nach ihrer ewigen Dauer.“ Zugleich gab dieses Leben zu zweit ihm soviel Auftrieb, daß er in weniger als drei Monaten eine ganze Oper schrieb (die allerdings durchaus kein Erfolg wurde).

Indessen war die Oper nicht das einzige Ergebnis jener „süßen Gemeinschaft“. Ein anderes brauchte etwas länger und stellte die beiden vor ganz neue Probleme. Es war ein Kind, und er berichtet: „Dies würde mich in Ansehung meiner Verhältnisse in die äußerste Bedrängnis geworfen haben, wenn meine Tischgenossen – zu Mittag aß er immer in einem Gasthof – mich nicht auf den einzigen Ausweg verwiesen hätten, der mich allem entreißen konnte.“ Dieser Ausweg war, das Kind ins Findelhaus zu bringen.

Er selber wählte die Lösung „kühn“ und „ohne das geringste Bedenken“. Aber die Einwände seiner Gefährtin mußte er „besiegen“ – „und nur nach undenklichen Mühen gelang es mir, sie zur Annahme dieses einzigen Mittels zu bewegen, das ihre Ehre retten konnte. Da ihre Mutter sich vor neuem Kindersegen fürchtete und mir beistand, ließ sie sich endlich umstimmen.“

Ein Jahr darauf standen sie vor demselben Problem. Wieder war ein Kind gekommen, und wieder gaben sie es ins Findelhaus. Und als er 38 Jahre alt war und noch immer zu wenig verdiente, vor allem aber seine Unabhängigkeit nicht verlieren wollte, da kam das dritte Kind, und wieder überredete er die Mutter zu jenem für ihn so bequemen Ausweg. Seinen Zeitgenossen und der Nachwelt aber beteuerte er, in seinem Leben auch nicht „einen einzigen Augenblick lang... ein gefühlloser, ein herzloser Mensch und ein unnatürlicher Vater gewesen“ zu sein. Überhaupt war er von seiner Güte und Tugendhaftigkeit selber tief beeindruckt: „Ich werde sterben... in der Überzeugung, daß von allen Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, keiner besser war als ich.“

Als das dritte Kind ins Findelhaus gegeben wurde, beteiligte er sich gerade an dem Preisausschreiben einer Akademie. Seine Arbeit erhielt den ersten Preis. Von da an war er bis zu seinem Tode berühmt und erfolgreich, wenngleich nicht ohne Feinde und einige Jahre sogar verfolgt. In einem seiner Hauptwerke, das besonders auf die Pädagogik nachhaltigen Einfluß ausgeübt hat und noch ausübt, heißt es: „Wer die Pflichten eines Vaters nicht erfüllen kann, hat auch nicht das Recht, es zu werden. Weder Armut, noch Arbeit, noch menschliche Rücksichten entbinden ihn der Pflicht, seine Kinder zu ernähren und zu erziehen.“