Von Robert Strobel

Bonn, im November

Kurt Georg Kiesinger ist vor drei Wochen nachweislich in der Absicht nach Bonn gekommen, die Wiederherstellung der Koalition mit der FDP zu versuchen. Der Versuch wäre wohl auch gelungen, hätte die Mehrheit der FDP die Mahnungen Mendes, Haussmanns, Reinhold Maiers und anderer beherzigt. Noch am Mittwoch voriger Woche bestand eine reelle Chance für die Erneuerung der alten Koalition. Aber Emotionen und Ressentiments – bei den Freien Demokraten, aber auch in der Union – überschatteten das nüchterne Abwägen.

SPD und FDP hatten sich zwar in mehreren Sachfragen verständigt, in anderen, besonders wirtschafts-, finanz- und sozialpolitischen hingegen nicht. Und da überdies FDP-Abgeordnete im Haushaltsausschuß des Bundestages eine Vereinbarung mit der SPD über die parlamentarische Behandlung des Haushaltsgesetzes 1967 nicht einhielten, verstärkten sich bei den Sozialdemokraten die Zweifel, ob mit einem so unzuverlässigen Partner wie der FDP bei einer so winzigen Stimmenmehrheit vernünftig regiert werden könnte.

Herbert Wehner hatte die Frage von vornherein verneint. Aus taktischen Erwägungen machte er in Gesprächen zwar immer wieder Äußerungen, die den Anschein erwecken sollten, daß er doch mehr einer Koalition mit der FDP zuneige. Aber in den Unterredungen, die er vor Lübkes Abreise nach Mexiko mit dem Bundespräsidenten führte, gab Wehner unmißverständlich zu erkennen, daß er unter den gegebenen Umständen die Große Koalition für die allein richtige Lösung halte.

Am Donnerstag, dem 24. November, kamen sich dann in einer achtstündigen Sitzung die Delegationen der CDU/CSU und der SPD in mehreren wichtigen Punkten sehr nahe: Hinsichtlich einer der Finanzreform zeitlich vorzuziehenden Sanierungsaktion für die Gemeinden; einer Sozialpolitik, welche die bisherige Konzeption in ihren wesentlichen Zügen bejaht, einschließlich der dynamischen Rente mit gewissen Absicherungen; einer Wirtschaftspolitik, die Stabilität und Wachstum miteinander zu verbinden sucht. Informationen über die Annäherung alarmierten die Freien Demokraten. So bot die aufgeschreckte FDP am Freitag alle ihre 49 Stimmen im Bundestag der SPD für die Wahl Willy Brandts zum Kanzler an. Aber fast gleichzeitig erfuhr die SPD, daß diese Zusage vielleicht nicht von sämtlichen FDP-Abgeordneten eingehalten werden würde.

Am Freitagvormittag gab es ein mehr als zweistündiges Gespräch zwischen Kiesinger, Brandt, Wehner und Heck. Dabei wurden die Weichen für die Große Koalition gestellt. Wehner und Heck zogen sich, unbemerkt von den Journalisten, nach ungefähr zwei Stunden zurück, während Kiesinger noch eine Weile mit Brandt zusammenblieb. Als die beiden herauskamen, wurde das Gerücht in Umlauf gesetzt, sie allein hätten zwei Stunden miteinander konferiert. Wehner legte Wert darauf, daß Brandt an allen vertraulichen Gesprächen mit den CDU-Partnern teilnahm. Der SPD-Vorsitzende galt ja noch kurz vorher als Anhänger der Mini-Koalition, die ihn zum Kanzler gemacht hätte. Es mag nicht leicht gefallen sein, ihn für die breitere Regierungskoalition zu gewinnen.