"Sicherheit für alle" versprach die Große Koalition

Von Rolf Zundel

Bonn, im November

Das Verhaltensmuster für die Politiker in der Bundesrepublik läßt sich in vier Worten kennzeichnen: Sicherheit um jeden Preis. Nach diesem Muster ist auch die Regierungskrise in Bonn beendet worden – mit einer Großen Koalition.

Wer auf die letzten Wochen zurückblickt, gewinnt den Eindruck, als ob die Entwicklung trotz vieler verwirrender Zwischenspiele mit merkwürdiger und fataler Zwangsläufigkeit dieser Lösung zutrieb, die zu Anfang nur wenige gewollt hatten und am Ende die meisten für unausweichlich hielten. Doch der Jubel blieb der Bildzeitung vorbehalten, die ihren Lesern in einer Schlagzeile verkündete: "Es geht wieder aufwärts." Solche Begeisterung ist bei den Politikern in Bonn nicht anzutreffen – dafür Nüchternheit, Skepsis und Resignation.

Die Kleine Koalition, ein Regierungsbündnis zwischen Freien Demokraten und Sozialdemokraten, der Wunschtraum all derer, die nicht nur eine neue Regierung, sondern einen Regierungswechsel in Bonn und eine neue Politik erhofften, ist nicht zustande gekommen. Das Bündnis ist an beiden Parteien gescheitert. Was die FDP versuchte, um die Sozialdemokraten zu gewinnen, kam zu spät und war zuwenig. Die SPD aber wurde dadurch in ihrer Furcht vor dem Risiko nur bestärkt.

Politischer Wagemut, das zeigte sich in den letzten Wochen, ist nicht die hervorstechendste Eigenschaft der Sozialdemokraten. Sie haben viel Zeit mit Feldgottesdiensten am Rubikon vertan. So plötzlich, ohne Vorbereitung, ungeschützt die Regierungsverantwortung zu übernehmen – das erschien ihnen wie ein Hasardspiel; das schreckte sie. Und manchmal hatte man den Eindruck, daß es nicht die Argumente waren, die diese Angst produzierten, sondern daß die Angst sich ihre Argumente suchte.