Die Große Koalition in Bonn ist in den Börsensälen mit Kurssteigerungen auf dem Aktienmarkt begrüßt worden. Das war zwar bislang bei jeder neuen Regierung der Fall, neu ist lediglich, daß die SPD – jahrzehntelang Schreckgespenst für Kapitalisten – zu ihrem Regierungseintritt nun ebenfalls Vorschußlorbeeren erhielt. Die Motive, welche die Börsenhändler, aber auch Teile der Kundschaft zum spekulativen Aktienkauf reizten, waren unterschiedlicher Art. Die einen glaubten, daß der SPD die Partnerschaft mit der CDU bei künftigen Wahlen beträchtliche Wählerstimmen kosten werden und so die Gefahr einer sozialdemokratischen Alleinherrschaft auf absehbare Zeit gebannt sei, andere wollten wissen, daß die CDU jetzt der Notwendigkeit enthoben ist, ständig die SPD in der Sozialpolitik „links überholen“ zu müssen. Gemeinsam wurde lediglich die Auffassung vertreten, daß nun endlich an die Sanierung der Staatsfinanzen gegangen werden kann und die Grundlagen für ein neues Wirtschaftswachstum gelegt werden. Dabei ging man von der Erwartung aus, die SPD würde jetzt die Gewerkschaften an die Lohnkette zu legen versuchen.

Es dürfte heute schon feststehen, daß nicht alle Hoffnungen in Erfüllung gehen werden. Und so standen bei den Aktienkäufen am Wochenbeginn viele große Kapitalanleger abseits. Sie wissen, daß das nächste Jahr zeigen wird, wie groß die Schäden sind, die eine inkonsequente Wirtschafts- und Finanzpolitik bei vielen Branchen und Gesellschaften hinterlassen haben. Es wird darauf ankommen, den Sparern verständlich zu machen, daß sie trotz Dividendenkürzungen Vertrauen in die Wirtschaft und den Kapitalmarkt fassen können – und daß sie vorerst schon deshalb nicht mit sensationellen Kurssteigerungen rechnen dürfen, weil das neue Jahr eine Welle von Kapitalerhöhungen bringen wird, die alles andere als leicht zu verkraften ist. Eine keineswegs leichte Aufgabe!

Die erste Bewährungsprobe wird der Rentenmarkt zu bestehen haben. Im Augenblick scheint es dort besser zu gehen. Doch darf man sich über den Umfang der aufgeschobenen Kapitalwünsche nicht täuschen. Der Konsolidierungsbedarf ist bei der öffentlichen Hand und der privaten Wirtschaft gleich groß. Bei den Kommunen vielleicht am drängendsten, denn immer noch bieten sie Schuldscheindarlehen an, bei denen sich eine Rendite von 9 1/2 Prozent ausrechnen läßt.

Wer damit rechnet, daß die Aufhebung des Kuponsteuergesetzes (damit ist zu Beginn des nächsten Jahres zu rechnen) zu einem nennenswerten Zufluß neuen Auslandskapitals führen wird, ist ein Illusionist. Ohne darüber zu diskutieren, ob dieses Gesetz zum Zeitpunkt seiner Einführung volkswirtschaftlich nützlich oder unnötig war, muß folgendes festgehalten werden: Ein Staat, der mit seinen Gesetzen die ausländischen Kapitalgeber einmal schröpft und sie relativ kurze Zeit später wieder zur Zeichnung von Staatsanleihen einlädt, kann schwerlich Vertrauen erwarten. Das ist den Initiatoren des Kuponsteuergesetzes rechtzeitig gesagt worden. Damals glaubten sie, „im Interesse der Siehe“ alle Warnungen in den Wind schlagen zu müssen. Heute dürfen sie aber nicht erwarten, daß das Ausland zur Lösung der deutschen Etatprobleme einen wesentlichen Beitrag leisten wird. Natürlich: Auch ohne das Ausland wird der Rentenmarkt ergiebiger werden. Nur Wunder darf man von ihm nicht erwarten. K. W.