Abbröckelnde Inseln, zerspaltene Häuser

Von Marianne Langewiesche

Die Flutkatastrophe in Oberitalien hat auch Venedig nicht verschont. Stärker denn je und immer zahlreicher werden die Überschwemmungen. Die Stadt ist in permanenter Gefahr.

Als Venedigs genialer politischer Ratgeber Paolo Sarpi am 15. Januar 1623 starb, formten seine Lippen als Letztes den Wunsch an seine Stadt, sie möge ewig bleiben: esto perpetua – überflüssig dies auszusprechen, denn Venedig selber war geradezu besessen von diesem Wunsch und dies schon, seit es auf dem unsoliden Fundament von Pfählen errichtet wurde, zwölfhundert Jahre vor Sarpis Tod. Alles was Venedig seine Größe gab und Jahrhunderte in dieser Größe erhielt, sein Mythos und seine Macht, seine Architektur und seine Geschichte, seine Malerei und seine Verfassung, alles diente dem gleichen Ziel: der Stadt ewige Dauer zu geben. Doch die Venezianer verfielen dem geradezu tragischen Irrtum, das Unvergängliche in einem Rahmen realisieren zu wollen, dessen typisches Merkmal ausgerechnet die Vergänglichkeit ist. Und an diesem tragischen Irrtum geht Venedig zugrunde. Denn der Rahmen Venedigs ist die Lagune, und das Charakteristikum der Lagune ist es, nicht zu bleiben.

In historischen Atlanten kann man sehen, daß sich – noch über die Zeit der Völkerwanderung hinaus – große Lagunengebiete längs der italienischen Adriaküste hinzogen. Sie sind dadurch entstanden, daß die Flüsse ihre Geröllmassen ins Meer hinausschieben und daß diese Massen von den Meeresströmungen erfaßt und vor den, Küsten als schmale Nehrungen oder Lidi aufgebaut werden. Und mit der Zeit „verlandet“ der Zwischenraum zwischen Küste und Nehrung, die Lagune: die Flüsse füllen sie mit ihrem Geröll aus.

Da Venedig seiner Lagune die gleiche Dauer geben wollte wie sich selbst – denn was wäre die Stadt, läge sie nicht im Wasser? – hat es, schon in der frühen Zeit seiner Geschichte, die Flüsse von der Lagune abgeleitet. So hat es sich zwar bis heute eine einzigartige Schönheit erhalten, doch um den Preis, morgen nicht mehr zu sein. Denn weil es das Charakteristikum jeder Lagune ist, keinesfalls zu bleiben, die Lagune von Venedig aber nicht verlanden kann wie die anderen Lagunen, verfällt sie bald der anderen Alternative und wird zum Meer.

Vor mir liegt ein Zeitungsausschnitt von Mitte Oktober dieses Jahres. Nicht als Schlagzeile, sondern als kleine Notiz ist darin vermerkt: „Um 10 Uhr 30 wird dasWasser auf dem Markusplatz anfangen zu steigen; es wird eine Höhe von 85 bis 95 Zentimetern erreichen. Wir sind in die Jahreszeit des Hochwassers eingetreten.“