Neues Ferienzentrum südlich von Alicante

Eine lärmende Lastwagenkolonne mit singenden Arbeitern schlich über die schmale Straße nach La Union. Als ich das letzte Mal hier war, herrschte die Totenstille verlassener Erzbergwerke, die wie eine Barriere vor einem der schönsten Küstenstriche der Levante lag. Nur Kenner folgten dem verwitterten Wegweiser durch die Halden: nach Cabo de Palos. Vor zehn Jahren hatte ich dieses Ferienparadies entdeckt. Die lange Schlange der entgegenkommenden Lastwagen, die mich zum Warten an den Straßenrand zwang, erinnerte mich an Zeitungsmeldungen, die ich in Madrid gelesen hatte: La Manga, Spaniens neuestes und nunmehr größtes Ferienzentrum, soll hier entstehen.

Auch in einem touristisch so entwickelten Land wie Spanien gibt es für Reisende, die zu Lasten von Bequemlichkeit und Komfort das Fremde und Typische suchen, noch Raum. Das Kap von Palos bei Cartagena (nicht zu verwechseln mit Palos in der Provinz Huelva, von dem aus Kolumbus seine Amerikafahrt begann) gehörte zu diesen entlegenen Gebieten. Am südlichen Ende der Costa Bianca – berühmt durch Alicante und Benidorm – verläßt ein nur 300 Meter breiter Dünenstreifen die Küste und läuft 25 Kilometer durchs Meer, bis er östlich von Cartagena wieder aufs Festland trifft. Der Ort schiebt sich weit in das Wasser vor. Vorn in der Brandung thront ein Leuchtturm, dessen drei kurze Signale den Schiffen seinen Standort verkünden: Cabo de Palos. Noch immer schleppt ein Turmwart allabendlich eine Petroleumlampe auf die Plattform. Erst im Rund der riesigen, sich drehenden Spiegel entstehen dann die lichtstarken Signale.

Vor kurzem noch einsam

Unterhalb des Turmfelsens lebte bis vor kurzem einsam die Gemeinde Cabo de Palos. Die Häuser der Fischer umsäumten den kleinen, recht baufälligen Hafen, der in jeder Hinsicht das Zentrum der Ortschaft war; denn außer einem großen Einkaufsschuppen gab es hier noch eine Bushaltestelle, einen Briefkasten und die Unterkunft der Guardia Civil. Die schwarzlackierten Dreispitze der Gardisten, von denen Garcia Lorca behauptete, auch ihre Seelen seien aus Lack, gehörten zum Hafenbild wie die Baskenmützen der Fischer. Was ein Dutzend Gendarmen ausgerechnet hierher verschlagen hatte, wußte niemand. Fragte man die Männer danach, so gaben sie vor, Schmuggler zu fassen. Aber das laute Geklapper der Dominosteine, das aus der Bar über den Platz hallt, strafte sie Lügen.

Da, wo die steinige Gasse in eine schmale, aber saubere Asphaltstraße überging, begann das Viertel der Zugereisten. Dort stand auch die „Casa Micaela“, die einzige Pension am Kap. Beamte und Kaufleute aus Murcia genossen hier mit ihren Familien die langen spanischen Schulferien. Daß sie vielseitig waren, dafür sorgte die einzigartige Lage des Ortes; denn das Meer fanden die Wasserratten auf drei Seiten. Fast wie eine Insel ist Cabo de Palos vom Wasser umspült. Im Westen klatschen die Wellen gegen die Felsküste, auf der sich einige mutige Bauherren in luftiger Höhe häuslich niedergelassen haben. Im Norden beginnt die weite Wüste der Dünenlandzunge: La Manga. Sie hat das seichte, aber klare Mittelmeer zur Rechten und das trage Salzwasser des Mar Menor zur Linken, das ist Spaniens einziges, 170 000 Hektar großes Binnenmeer. Die hohen Dünen sind selbst im Winter noch so sonnendurchwärmt, daß man sich ohne Erkältungsgefahr ausruhen und das Gefühl genießen konnte, allein auf der Welt zu sein. Nur der Landwind trug zuweilen das Geräusch rollender Räder herüber, wenn drüben in der Saline das aus dem Meer gewonnene Salz verladen wurde.

Nun ist das anders geworden. Vor zwei Jahren hat der Eigentümer viele Kilometer Düne verkauft. Er hat den Fortschritt ins Paradies gelassen. Seitdem schafft die Lastwagenschlange jeden Morgen einige hundert Bauarbeiter in die Manga. Zwei französisch-belgisch-spanische Gesellschaften, Ribenor und Urmenor, verwandeln die Landschaft. Wiederum wurde – von Antonio Bonet Castellana – das gigantische Projekt einer Ferienstadt entworfen. Riesenschilder künden überall von Spaniens neuer Großbaustelle: „Urbanizació de La Manga.“ Der erste Wohnturm, zwei Hotels, Hunderte von Bungalows und ein „nautisches Zentrum“ stehen schon im Sand. Zehntausende von frisch gepflanzten Palmen säumen die Zementbahnen. Sie sollen später Schatten spenden. Wer in einem der modernen Wohntürme (115 qm für 850 000 Peseten, etwa 57 000 Mark, möbliert 935 000 Peseten, etwa 62 000 Mark) einzieht, braucht nicht mehr ins nächste Dorf zum Friseur und nach Cartagena ins Kino zu fahren. Der Strand ist vor der Tür, die Bar auf dem Dach des Hauses. Der gesamte 25 Kilometer lange Sandstreifen soll in drei Bauabschnitten bewältigt werden. Der erste Teil wurde in diesem Herbst fertig. Spaniens stolze Touristenbilanz: 36 Millionen Ausländer brachten von 1960 bis 1965 Devisen in Höhe von 14 Milliarden Mark ins Land. Die Deutschen behaupten nach den Franzosen, und Engländern den dritten Platz in dieser Statistik. In diesem Jahr werden es 16 Millionen Besucher sein; mehr als eine Million aus Deutschland. Zwei Drittel des Defizits in der Handelsbilanz deckt Spanien aus den Einnahmen ab, die der Tourismus in seine Kassen füllt.