Die Bezeichnung, mit der man einen neuen Autotyp auf dem internationalen Markt anbieten will, ist nicht ohne Einfluß auf seinen Verkaufserfolg. Zahl oder Namen – beide haben ihre Vorteile und Schwächen. Trotzdem haben sich die Amerikaner ganz eindeutig für die Taufe ihrer Autotypen mit Namen entschieden.

Ausgerechnet die nüchternen Amerikaner, von denen man weiß, daß sie keine Emotionen auf ihr Auto verschwenden, es abgeklärt und leidenschaftslos als Gebrauchsgegenstand werten, den man jährlich oder spätestens in jedem zweiten Jahr zu wechseln hat, lehnen die nackte oder bestenfalls mit einem dürren Buchstaben geschmückte Zahl ab. Ihre eigene Automobil-Industrie bietet ihnen die romantischsten Typennamen an, die mit sportiven Symbolen großer Geschwindigkeiten in die tiefen Gewölbe des Unbewußten dieser polizeilich streng abgesicherten 60-Meilen-Turnpike-Schleicher eindringen; Chevrolet-Monza und Monza-Corsa, Pontiac-Tempest und Le Mans, Pontiac Grand-Prix und Bonneville, Buick-Wildcat, Chrysler Sport-Fury, Ford-Mustang und Cobra... allenthalben gezähmte Wildheit, schnelles Zupacken, sportive Vision.

Daß alle noch mit ihren vier Rädern auf der Erde bleiben, erscheint beinahe rührend, wenn man die in schnellem Aufstieg zu fernen Welten begriffene Kavalkade der Konkurrenz betrachtet, die nur gutes Startwetter (Chevrolet Bei Air) abzuwarten scheint, um mit Lichtgeschwindigkeit (Chevrolet-Corvette Sting Ray) und Getöse (Ford Thunderbird) ins Astronautische vorzustoßen. (Oldsmobile Jetstar, Buick Skylark, Ford-Mercury Comet, Cyclone und Meteor, Ford-Galaxie – die Milchstraße tut sich auf – Chrysler Satellite, Chevy Nova und Cheker Aerobus). Nur der 30 Jahre alte VW vermehrt sich drüben auch ohne attraktiven Namen wie der Kartoffelkäfer.

Der Taufname eines neuen Wagentyps ist in den USA eine ernste Angelegenheit, zu der sich in Dearborn und Detroit ganze Brain-Trusts der Verkaufsleiter, PR-Mitarbeiter, Werbepsychologen und Pressechefs versammeln.

Beispiel: Nachdem die Stylisten den Ford-Thunderbird im Laufe der Jahre so verfeinert haben, daß alles Aggressive und Sportive aus seinem Erscheinungsbild verschwand, war vor drei Jahren nach hitzigen Beratungen eines Ford-Kollegiums in Dearborn die Typenbezeichnung „Mustang“ gewählt worden, der Name indianischer Wildpferde, der dem Ford-Typ T 5 zu einem spontanen und eindrucksvollen Verkaufserfolg verhalf und Weltruf errang. Daß dieser Typ so effektvoll den Weltmarkt eroberte, lag nicht zuletzt daran, daß der klug gewählte Name dem kraftvollen, breitbrüstigen und ingeniös-brutalen Erscheinungsbild dieses Wagentyps entsprach.

Da hat das robusteste und sparsamste deutsche Mittelklassen-Auto, das je gebaut wurde und inzwischen leider das Zeitliche gesegnet hat, seinen Namen auf viel einfachere Weise erhalten. Als man Carl F. W. Borgward fragte, wie er sein neues Auto zu nennen gedächte, sah er seine Männer nur einen Zigarrenzug lang aus seinen blauen Kapitänsaugen an. Dann brummt er: „Laßt mich in Ruhe mit dem Namen! Meinetwegen könnt ihr es Isabella nennen!“ Der Spaß wurde ernst genommen.

In Untertürkheim macht man sich heute keine Sorgen. Schon lange vor dem Kriege ist man dort dazu übergegangen, schlichte Kennzahlen als Typenbezeichnung zu wählen und die Namen wie etwa „Mannheim“ und „Nürnberg“ fallen zu lassen, mit denen man früher gewisse Mercedes-Typen eher belastete als schmückte. Mit einer Namensgebung sind immer Gedanken-Assoziationen verbunden, die Verkaufserfolgen oft genug im Lichte stehen. So kann der Typennamen „Nürnberg“ keiner behaglichen Limousine gegeben werden, und mit „Monza“ oder „Sebring“ kann man eben nur sportlich schnelle Flitzer taufen.