Kaum stand sie auf der literarischen Bühne Amerikas, spannen sich bereits um ihren Namen, ihre Gestalt, ihr Leben die ersten Legenden. Carson McCullers, die Tochter eines Uhrmachers aus dem südstaatlichen Georgia, die Studentin der New Yorker Columbia-Universität, die in der subway ihres Geldes Beraubte und nunmehr auf eine Pianistenausbildung an der Juillard-Musikhochschule Verzichtende, die mit einer Erzählung in der einst exklusiven Story Debütierende, die Autorin des Romanerstlings „The Heart is a Lonely Hunter“: Carson McCullers, „das Wunderkind“ (mit immerhin dreiundzwanzig Jahren). Das war 1940. Sechs Jahre später erschien ihr zweiter Roman, „A Member of the Wedding erlahmte ihr Arm, der rechte, waren die ersten Operationen notwendig. Fünf Jahre darauf fand es ein amerikanischer Verleger bereits angebracht, ihr „Gesamtwerk“ herauszubringen. In den New Yorker Klatschspalten las man von bacchantischen Festen: In Brooklyn Heights versammelten sich die einstigen enfants terribles – W. H. Auden und Benjamin Britten, Louis MacNeice und Christopher Isherwood, Golo Mann und Richard Wright, Paul Bowles und Carson McCullers.

Jedoch der Anschein täuschte. Die Romane bewiesen es. Die Intensität des Stils, die starke Konzentration auf die feinsten Regungen der Psyche, die Beschwörungskraft beim Erzählen förderten von Carson McCullers offenbar mehr, als die fragile junge Frau physisch leisten konnte. Die Gestalten ihrer Phantasie hockten oft so dicht um sie herum, daß sie Platzangst bekam, in epikureische Gelage, existentialistische Diskussionen floh. Nicht der frühe Ruhm war es, sondern der explosive Ausbruch ihres Talents, der ihre Nerven verletzte. Einige Jahre fand sie nicht mehr zum Schreibtisch zurück. Der Aufenthalt in einem Sanatorium wurde für sie zum „Zauberberg“. Auf Krücken kehrte sie heim, nicht nach Georgia, nicht nach Brooklyn Heights, sondern in ein altmodisches Landhaus in der kleinen Stadt Nyack, am Hudson hoch im Norden des Staates New York. Hier schrieb sie die Geschichte von der sanften Landnahme des Todes, die Geschichte vom Verlust und von der Rückgewinnung der eigenen Person, des Ichs: „Clock Without Hands“ (Uhr ohne Zeiger).

Aber damals, 1961, war ein deutsches Leserecho kaum zu hören. Ohne spürbaren Erfolg brachte 1949 Kantorowicz eine schlechte Übersetzung des Romans „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ heraus, versuchten es Scherz und Goverts 1952 mit demselben Roman, nun in der guten Übersetzung von Susanne Rademacher, glücklos mit diesem Buch, glücklos mit zwei weiteren Büchern der McCullers. Die Urteile der Kritik wurden kaum beachtet, obgleich 1958 Paul Hühnerfeld in der ZEIT zur deutschen Ausgabe von „Reflections in a Golden Eye“ schrieb: „Daß Carson McCullers sich in Deutschland noch nicht so durchgesetzt hat wie Hemingway oder Faulkner, finde ich schade.“ Damals trug der Roman den sinnverfälschenden, sentimentalen Titel „Der Soldat und die Lady“. Jetzt heißt er ziemlich genau übertragen „Spiegelbild im goldenen Auge“ und bildet den Abschluß der nun endlich mit Gewinn vom Diogenes Verlag herausgebrachten „Gesammelten Werke“ der Carson McCullers. Die Übertragung erinnert daran, welch guten Übersetzer wir in Richard Moering (Peter Gan) haben.

Ein kleiner Roman der großen Literatur; das schrieb ich andernorts vor acht Jahren, das kann ich jetzt erneut und lebhaft bestätigen –

Carson McCullers: „Spiegelbild im goldenen Auge“, aus dem Amerikanischen von Richard Moering; Diogenes Verlag, Zürich; 193 S., 18,80 DM.

Hier bestimmt Tradition den Stil des Erzählens: „l’ll teil you a story...“Das ist eine längst klassische Eröffnung, in der Alten wie in der Neuen Welt. Aber es fällt auf, daß jene Autoren, die sie in unserer Gegenwart besonders häufig anwenden, meist aus den amerikanischen Südstaaten stammen: Faulkner, William Goyen und Frederic Buechner, die Shirley Ann Grau des „Schwarzen Prinzen“, Flannery O’Connor, Carson McCullers. Ihre Ortschaften liegen in der Provinz. Nichts Ungewöhnliches scheint dort zu geschehen.

Carson McCullers sagt es deutlich, erklärt es bereits mit ihren ersten zwei Sätzen: „Eine Garnison in Friedenszeiten ist ein langweiliger Ort. Es geschieht wohl hin und wieder etwas, aber fast immer das gleiche; und die bloße Anlage eines Forts genügt, diese Eintönigkeit noch zu steigern Das Alltägliche könnte ein Mittel sein, mit dem sich ein Kontrast schaffen ließe. Der Effekt wäre legitim; aber die Autorin verzichtet auf Oberflächenspannung, liefert ebenfalls bereits auf der ersten Seite den Bericht über das (vorweggenommene) Ereignis: „Es gibt in einem der Südstaaten ein Fort, wo vor einigen Jahren ein Mord geschah. An dieser unglücklichen Begebenheit waren beteiligt: zwei Offiziere, ein Soldat, zwei Frauen, ein Filipino und ein Pferd. Der beteiligte Soldat hieß Ellgee Williams.“ Er ist das Opfer. Ein Hauptmann der Mörder.