L. W., Bremen

Zwischen der Bremer Post und dem Bremer Jungbürger Siegfried Hermann Hirsch, 21 Jahre alt („ich begann mein publizistisches Wirken mit 17 und bin somit Deutschlands jüngster Verleger“), herrscht Fehde. Den Drucksachen-Prüfern der Post mißfiel die Novemberausgabe von „total“, der „macabren Zeitschrift“, die Lehrling Hirsch vierteljährlich in 3000 Exemplaren, „mehr oder weniger allein, Schicksal aller Avantgardisten“, herausgibt. Eine in Varianten gefaltete, unbekleidete Damensitzfläche als Beilage und ein schwer verständlicher Artikel über Glaubensfragen (,,... denn Gottes Blut symbolisch synthetisch: Coca Cola! Halleluja!“), veranlaßten die Oberpostdirektion, Deutschlands jüngstem Verleger mitzuteilen, diese Ausgabe werde nicht als preisgünstige Drucksache verschickt; Siegfried Hermann solle sie bitteschön in geschlossenen Umschlägen versenden und 70 Pfennig Porto, anstatt bisher 30 Pfennig, auf jeden Brief kleben.

Die Post stützt sich dabei auf eine Bestimmung, wonach Sendungen, deren Inhalt gegen das öffentliche Wohl und die Sittlichkeit verstoßen, nicht „einsehbar“ befördert werden dürfen. Der junge Hirsch hat beim Ministerium in Bonn Beschwerde eingelegt. Für ihn ist Kunst, was die Post für anstößig hält. Eine Grundsatzdebatte zwischen Post und Hirsch verlief ergebnislos.

Siegfried Hermann ist auf der Palme: „Das kostet mich nicht nur viel Geld, ich habe außerdem einen Nervenzusammenbruch erlitten“. Auch ohne Postärger müssen die Nerven des jungen Mannes viel aushalten: „Ich bin Lehrling, Förderer junger Talente, Verleger, Manager verschiedener Künstler. Die Oberschule mußte ich verlassen, weil man mich nicht verstand.“

Dennoch ist Hirschs verlegerischer Elan ungebrochen. „Ich werde weiterhin durch Norddeutschland trampen und auf den Bahnhöfen und in Kneipen für ‚total‘ schreien. Mit der Post führe ich einen Musterprozeß. Wolfgang Neuss hat mir eine Spende versprochen. Wenn ein Damenpo anstößig ist, dann bleibt er in Zukunft weg. Bremen ist hinter dem Mond, in England weiß man längst, daß Pornographie Kunst ist.“

Bis zur nächsten Ausgabe von „total“ will Siegfried Hermann sich „den Spießern anpassen, ohne Profil zu verlieren“, und bei der Oberpostdirektion heißt es, natürlich sei die macabre Total wieder drucksachenwürdig, wenn sie entschlackt werde von nackten Tatsachen und Beleidigungen. Schließlich – so die Post, „sind wir nicht nur Beamte oder Unmenschen, sondern auch Familienväter und Kunstfreunde.“