/ Von Hans Gresmann

Bombay, im Dezember

Gibt es eine andere Stelle auf der Welt, wo das Gestern und das Morgen in so eindrucksvollem Kontrast beieinanderliegen? Ich kenne nur eine – im Hafen von Bombay.

Das kleine Boot fährt tuckernd an den Frachtdampfern vorbei, die weit verstreut auf Reede liegen. Im Nachmittagslicht der subtropischen Wintersonne taucht querab die Elefanten-Insel auf. Weit zurück liegt die dampfende Hafenstadt mit ihrem beängstigenden Menschengewirr. Auf Elephanta Island ducken sich, tief in den Felsen geschlagen, hinduistische Tempelanlagen, wie sie majestätischer in Indien kaum zu finden sind.

Ein paar hundert Meter Wasser – und mehr als ein Jahrtausend ist übersprungen. Von einer Landzunge leuchtet eine Moschee zur Insel herüber. Neben ihr ragt ein Minarett hoch in den Himmel. Doch der romantische Schein trügt – wie er so häufig trügt in diesem schwer begreiflichen Lande. Moschee und Minarett sind in Wirklichkeit Aluminiumkuppel und Schornstein: Atommeiler im indischen Nuklearzentrum Trombay.

Tempelanlage mit Felsentoren zu den Bildwerken der Götter, moderne Laboratorien mit hydraulischen Türen ins Allerheiligste der Kernforschung – Indiens doppelte Wirklichkeit? Gott Schiwa in mächtiger Steinausprägung und gegenüber eine Nuklear-Moschee, die den nüchternen Göttern der Wissenschaft geweiht ist – das verdeutlicht die Spannweite dieses Landes, in dem die Welten und Epochen aufeinanderprallen.