Wenn es stimmt, daß Bonn nicht Weimar sei, dann hat sich in diesen Tagen eine andere These als ebenso richtig erwiesen: Bonn muß auch nicht Düsseldorf sein. Die Bildung einer Regierungskoalition von SPD und FDP in Nordrhein-Westfalen just zum Zeitpunkt, da sich in der nahen Bundeshauptstadt die Sozialdemokraten mit den Christdemokraten in ein Regierungskartell einließen, widerlegt die auch diesmal wieder hochgespielte Parole: Bund und Land – Hand in Hand.

Solche Schlagworte mögen sich für Wahlkämpfe eignen. Wenn es aber um die Macht in einem Bundesland geht und um die Wahrung seiner Selbständigkeit, zählen sie nichts. Dann bricht Landeswille Bundeswünsche. Und der Wille der Sozialdemokraten an Rhein und Ruhr hat sich als stärker erwiesen gegenüber dem Verlangen mancher ihrer Bonner Parteioberen. Die Düsseldorfer SPD hat für die innerparteiliche Demokratie eine Schlacht gewonnen: Sie ist nicht auf Wehners Leim gegangen.

Zugleich ist auch der Föderalismus in der Bundesrepublik, dem durch eine Gleichschaltung Bonn-Düsseldorf Gefahr drohte, noch einmal gerettet worden. Und geradeso, als wollten sie der Wahl der nordrhein-westfälischen Sozialdemokraten für das Bündnis mit den Freien Demokraten ihren Segen geben, beschworen der neue Bundesratsminister Schmid und Bayerns wiedergewählter Ministerpräsident Goppel die Freiheit der deutschen Bundesländer. Carlo Schmid sagte in seiner Antrittsrede vor dem Bundesrat: Der Föderalismus sei eine gute und notwendige Sache; denn wenn Macht auch nicht an sich böse sei, so sei es doch nicht gut, wenn sich zuviel oder sogar alle Macht in einer Hand konzentriere. Und Alfons Goppel erklärte im Münchner Maximilianeum: Es gelte, die Eigenständigkeit der Länder gegen die deutlichen Zentrale sierungsbestrebungen der Bundesbürokratie zu verteidigen und zu verhindern, daß diese Staatlichkeit Schritt für Schritt ausgehöhlt werde.

Dies ist in Düsseldorf geschehen. Bonns schwarzrotes Muster wurde nicht nachgestrickt. Dabei ließ die CDU nichts unversucht, um die SPD zur Ehe zu überreden. In Heinz Kühn, dem sozialdemokratischen Landesvorsitzenden und neuen Ministerpräsidenten, fand sie auch einen gewogenen Partner, desgleichen in dem Bonner Koalitionsschmied Herbert Wehner. Doch keine Warnung, kein gutes Zureden fruchtete: Nordrhein-Westfalens Abgeordnete votierten mit großer Mehrheit für ein sozial-liberales Kabinett. Den Ausschlag mag am Ende Willy Brandt gegeben haben, der vor der entscheidenden Abstimmung nach Düsseldorf eilte. Um die Protestwelle vieler seiner Parteifreunde gegen das Bonner Bündnis einzudämmen, ließ er der Fraktion freie Hand. Und sie hielt sich daran.

Ist die linke Koalition aber auch für die Landespolitik ein Gewinn? Die Regierung ist mit der Mehrheit von 114 Abgeordneten von SPD und FDP gegenüber den 86 CDU-Oppositionellen stabil genug, um die nächsten dreieinhalb Legislaturjahre durchzustehen. Mit seinem Wirtschaftsminister Harald Koch, der zuvor Arbeitsdirektor bei der Hoesch-AG war und sich als einer der „Fünf Weisen“ des Sachverständigen-Gutachtens einen Namen machte, mag es Kühn sogar gelingen, die Krise im Bergbau erst einmal einzudämmen, um danach ein Strukturprogramm für das Ruhrgebiet zu realisieren.

Auch muß er nicht befürchten, daß sein Stellvertreter und Innenminister Weyer eines Tages „umfällt“ und die FDP ihn im Stich läßt. Beide Parteien haben in Düsseldorf schon einmal – 1956, nach dem Sturz Karl Arnolds – bewiesen, daß sie miteinander regieren können, ohne Schaden zu nehmen. Zudem gilt für die Freien Demokraten Kühns Versprechen, eine Änderung des Wahlrechts für Nordrhein-Westfalen nicht zuzulassen. Aus arithmetischen wie aus politischen Gründen ist das Düsseldorfer Duo durchaus „lebensfähig“. Es mag sich sogar eines Tages als ein Modell für eine Bonner Regierung erweisen.

Das wird dann freilich nicht so sehr von den Freien Demokraten und ihrer Bereitschaft abhängen, sondern eher davon, ob Heinz Kühn Erfolg hat. Er muß den Beweis dafür liefern, ob mit dieser Koalition Staat zu machen ist. Dazu muß er die Bergleute gewinnen und die Unternehmer: die einen, indem er ihnen klarmacht, daß sie ihre Arbeitsplätze trotz aller Subventionszahlungen doch verlieren werden; die anderen, indem er sie von der Notwendigkeit überzeugt, ihre Zechen zusammenzuschließen.