Von Inge Peter-Habermann

I.

Zwar fühlt er sich noch ein wenig verpflichtet, seine Kinder sonntags zur Kirche zu schicken, „weil die Jugend ja an irgendwas glauben muß“ und „damit man sich keine Vorwürfe zu machen braucht“ und „weil sie sich ja später, wenn sie erwachsen sind, selbst entscheiden können“ – für sich selbst jedoch nimmt der erwachsene Gläubige (soweit die unverbindliche Steuermitgliedschaft diese Bezeichnung rechtfertigt) in Anspruch, „zur Kirche zu gehen, wenn man das Bedürfnis danach hat“. Und das pflegt – laut Statistik – im allgemeinen zu Weihnachten der Fall zu sein oder zur Hochzeit oder zur Taufe.

Ein bißchen spät und mit großer Mühe erkannten die beiden großen Kirchen in Deutschland, daß sie sich in derselben Situation befinden. Unterstützt von Religionssoziologen, gingen sie daran, die gelichteten Reihen ihrer Gemeindemitglieder soziologisch und psychologisch zu durchforsten, ohne jedoch viel mehr als den naheliegenden und längst beobachteten Befund zutage zu fördern: „Man“ geht nicht mehr zur Kirche. Vor allem nicht oft und nicht regelmäßig. Und ganz besonders dann nicht, wenn „man“ zu den kulturell und wirtschaftlich wichtigsten Gruppen in der Bundesrepublik gehört.

Als Gründe für diese Entwicklung boten sich aus kirchlicher Sicht hauptsächlich die Industrialisierung und die Automation an. Die „Gläubigen“ hingegen vermuten, daß der technische Fortschritt, der Besitz eines Autos, vor allem aber die Unaktualität der Kirche und ihrer Lehre die Schuld daran tragen: „Mit zunehmender Bildung macht sich jeder mehr Gedanken: Was wollen die? Sie wollen uns alle unter einen Hut bringen. Es geht denen nur um Finanzielles“ – das ist eine typische Meinung, und eine andere lautet: „Weil die Allgemeinheit der Meinung ist, daß das Kirchegehen überholt ist.“

Allen Studien und Deutungsversuchen liegt allerdings eine Annahme unausgesprochen zugrunde, nämlich die Unterstellung, daß kirchliche Gebundenheit von der Gesellschaft positiv bewertet werde. Zwar nimmt man an, daß sie einen mehr oder weniger starken Druck zum Beispiel auf den Kirchgang ausübt, stillschweigend unterstellt man aber gleichzeitig, daß dieser Druck für und nicht gegen die Forderungen der Kirchen wirkt.

Wenn aber in einer zu neunzig Prozent christlichen Bevölkerung der Anteil der praktizierenden Christen kontinuierlich sinkt, kann man nicht ohne Diskussion von dieser Voraussetzung ausgehen. Es ist immerhin möglich, daß Einflüsse der Gesellschaft häufigen oder regelmäßigen Kirchgang verhindern.