Von Peter Urban

Von dem jungen sowjetischen Lyriker Jossif Brodskij weiß man in Westdeutschland wenig. Von Brodskij weiß jedoch auch der sehr wenig, der sowjetische Zeitschriften und die Literaturnaja gaseta regelmäßig liest.

Jossif Brodskij ist in Leningrad unter skandalösen Umständen als „arbeitsscheues Element“ zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden; man wüßte nichts davon, wäre nicht ein gekürztes Gerichtsprotokoll 1964 in den Westen gelangt und (Die ZEIT Nr. 26–27/1964) veröffentlicht worden. Dieses Protokoll liest sich wie eine grimmige Satire. Das Urteil soll inzwischen aufgehoben worden sein, aber darüber gibt es sich widersprechende Angaben.

Dem Protokoll war zu entnehmen, daß Brodskij 1956 sechzehn Jahre alt war, also 1940 oder 1941 geboren ist, und daß er als Autodidakt Gedichte gemacht hat. Seine Übersetzungen, denen hohe Qualität nachgesagt wird, sind hier und da in der Sowjetunion gedruckt worden, seine eigenen Gedichte nicht. Das Protokoll verzeichnet ein paar schüchterne, aber bestimmte Antworten Brodskijs, die in ihm nicht gerade einen Konformisten erkennen lassen.

1965 erschien in New York (Inter-Language Literary Associates) ein 235 Seiten starker Gedichtband in russischer Sprache, ohne Wissen des Autors, wie man annehmen darf; in den Akzenten erschienen Brodskij-Gedichte auf deutsch, und 1966 schon liegt ein ganzer Band vor –

Jossif Brodskij: „Ausgewählte Gedichte“, aus dem Russischen von Heinrich Ost und Alexander Kaempfe; Bechtle Verlag, Esslingen; 60 S., 16,80 DM.

Auch Arnfried Astel widmete nach seinem Jewtuschenko-Erfolg eines seiner Lyrischen Hefte (Nr. 26, zu bestellen: 5 Köln-Mülheim 1, Postfach 265) dem Dichter Brodskij.