Von K. H. Kramberg

An eine aromatische Mischung aus Kampferduft und dem Parfüm der Melancholeia denkt man vielleicht beim Titel des Romans von

Hermann Lenz: „Verlassene Zimmer“; Verlag Jakob Hegner, Köln; 252 S., 16,80 DM.

Aber es ist ein Buch von stärkerem und besserem Arom. Zwar gehört der Stuttgarter Studienratssohn vom Jahrgang 1913 schwerlich zu den übersprudelnden Temperamenten zeitgenössischer Schriftstellerei, und auch mit seinen von der Kritik vielfach gelobten Prosawerken – „Nachmittag einer Dame“, „Der russische Regenbogen“, „Spiegelhütte“ und „Mit den Augen eines Dieners“ – hat Hermann Lenz nicht das erreicht, was man in den Industrierevieren der schönen Literatur als den großen Durchbruch bezeichnet.

Aber die konservative und liberale Gesittung, die er in seiner württembergischen Solitüde bewahrt, die Distinktion seiner Sprache, die Lauterkeit seines phantasmagorischen Planspiels mit erfundenen und erfahrenen Bildern der Zeit im unheimlichen Raum der historischen Welt bürgen dafür, daß dieser Autor sich des Verrats seiner Kunst an populäre Tendenzen und wohlfeile Modeeffekte im klaren Bewußtsein seines schöpferischen Vermögens enthält. Hermann Lenz figuriert für seine Generation in der heute schon paradoxen Rolle des hierarchisch besonnenen Bürgers.

Auch der Roman „Verlassene Zimmer“ ist aus dieser ästhetischen und moralischen Grundeinstellung seines Autors, an seinem Festhalten an den Formen (nicht: Normen) eines ständisch gegliederten Sozialgefüges zu deuten.

Der Schauplatz ist die Welt der aufgeklärten Monarchen im allgemeinen, die altwürttembergische, höfisch demokratische Residenz Stuttgart im engeren Verstände. Um ihren Geist zu beschwören, blättert der Romancier sein leicht angestaubtes Familienalbum auf und animiert die Gestalten und Gesichter der vergilbten Photographien (unter denen man auch das Kinderbild des Erzählers erkennt) zum Schattenspiel auf der Reprisenbühne seiner immer auf Abstand bedachten, doch zugleich Raum und Zeit überbrückenden Sprache.