Harsefeld an der Niederelbe

Auf Resten alter Grundmauern steht in Harsefeld an der Niederelbe (4500 Einwohner) eine ansehnliche Kirche im neugotischen Backsteinstil. Sie wird renoviert. Wände und Spitzbogen der Kirche sind schon altweiß gestrichen, die Profile hellgrau abgesetzt.

Über Planken, die noch unverfugte neue Bodenfliesen schützen, nähert man sich der Apsis. Das heißt, man versucht es. Eine Altarwand sperrt sie ab. Nur an den Seiten sind schmale Durchgänge. Die Altarwand, 1861 eingebaut, sieht aus wie eine Miniaturfassade des Kölner Doms, von einem Konditor aus Schokolade geschnörkelt. Wie es mit alt gewordener, billiger Schokolade zu gehen pflegt, ist auch das Braun dieses Werkes etwas grauschimmelig geworden, Wo der Eingang zu diesem pseudogotischen Pseudo-Dom anzunehmen ist, befindet sich eine vergoldete Fläche mit einem kleinen Podest an der unteren Kante. Auf ihm stand bis Ende Februar eine lebensgroße Christusfigur.

Die Figur ist verschwunden, verbrannt. Nicht eine Feuersbrunst, sondern die Inbrunst eines Pastors, der Protest eines Protestanten hat sie hinweggerafft. Ein Pastor sah diese Darstellung vom „Lieben Gott“, ein süßliches Machwerk, dem niemand einen Kunstwert bescheinigte, als „ein Hindernis auf der immer schmaler werdenden Verbindungsbrücke zwischen Einwohnern und Kirche“ an. Er entfernte sie, als sie in einem Abstellraum lag, und transportierte sie mit Hilfe von zwei jungen Männern auf dem Gepäckträgerdach seines VW 1500 ab. In Richtung Wald zunächst und dann zu einem Ofen. Dort zerstückelte er sie und verbrannte die Teile.

Was er tat, war sozusagen Amtshilfe. Amtshilfe für seinen Harsefelder Kollegen, Pastor Dierking. Der „Figurenstürmer“, dessen eigene Gemeinde Horneburg zehn Kilometer von Harsefeld entfernt ist, wollte seinen Amtsbruder Dierking von einer Sache befreien, die jenen in den achtundzwanzig Jahren seines seelsorgerischen Amtierens immer wieder bedrückt hatte.

Pastor Dierking, verzagt und enttäuscht darüber, daß er den Christus im Zuckerbäckerstil zu behalten hatte, wie der Landeskonservator Roggenkamp aus Hannover es wünschte und anordnete, war herzkrank zusammengebrochen, als sein Horneburger Amtsbruder Krückeberg es heimlich unternahm, ihn für immer von der minderwertigen Figur des Erlösers zu erlösen.

Obwohl ihn Altarwand und Erlöserfigur achtundzwanzig Jahre lang gestört hatten, habe er in all den Jahren niemals etwas darüber verlauten lassen. Und das, obwohl er immer wieder von einzelnen Gemeindemitgliedern darum gebeten worden sei, sagt Pastor Dierking. „Das einzige, was ich zu dieser Statue sagen kann, ist dies: daß man beim ständigen Aufblick zu dieser Gestalt Christi innerlich ausdörren, vertrocknen mußte.“