Das Klima in den Börsensälen erwärmt sich. Unter lebhaften Umsätzen haben sich sowohl die Renten- als auch die Aktienkurse nach oben in Bewegung gesetzt. Die Erklärungen einzelner Minister zur künftigen Wirtschafts- und Finanzpolitik lassen einen Kurs erwarten, der vom Willen zur wirtschaftlichen Expansion beherrscht sein wird. Die ursprünglich nur für den Monat Dezember 1966 vorgesehene Senkung der Mindestreserven wird jetzt unbefristet über den 1. Januar 1967 beibehalten, die Kuponsteuer soll so bald wie möglich fallen und wenn es nach dem Willen der neuen Bundesregierung allein geht, wird im Januar der Diskontsatz gesenkt werden. Das wird die Rückbildung des deutschen Kapitalzinses beschleunigen.

An den Rentenkäufen der letzten Tage waren auch einige Ausländer beteiligt, die fest damit rechnen, daß die Kuponsteuer so schnell verschwinden wird, daß sie künftig wieder voll von den international noch über dem Durchschnitt liegenden deutschen Zinsen profitieren können. Die sinkenden Kurse der auf D-Mark lautenden kuponsteuerfreien Auslandsanleihen lassen sogar den Schluß zu, daß die Besitzer dieser Papiere ihre Stücke gegen höherverzinsliche, aber heute noch kuponsteuerpflichtige Inlandsanleihen umzutauschen beginnen. Doch mit einem Neuzufluß an Auslandsgeld im früheren Ausmaß rechnet man in Bankkreisen nicht. Einmal sind die Zinsen international so gestiegen, daß die in der Bundesrepublik zu erreichenden Sätze keine sensationelle Anziehungskraft mehr besitzen, zum anderen hat die Einführung der Kuponsteuer auf den Rentenbesitz Gebietsfremder dem deutschen Kapitalmarkt viel Ansehen und Vertrauen gekostet.

Dennoch können mit gutem Gewissen dem Rentenmarkt weitere Kurssteigerungen prophezeit werden. In Börsenkreisen meint man, daß sich innerhalb des 1. Halbjahrs 1967 der Nominalzins auf etwa 7 Prozent zurückbilden wird. Weiter wird er wegen der bevorstehenden Inanspruchnahme des Marktes schwerlich sinken.

Die Aktien wurden in den letzten Tagen von den Renten nach oben gezogen. Aber ob sich die Aktienkurse nachhaltig bessern können, hängt weniger von der Entwicklung des Kapitalzinses ab als von der Entwicklung der künftigen Erträge. Nur, wenn der Kapitalanleger sieht, daß ihm ein angemessener Teil vom Umsatz als Gewinn bleibt, kann er ein Interesse daran haben, sein Geld in Aktien anzulegen. Deshalb werden die künftigen Lohnverhandlungen die Aktienkurse entscheidend beeinflussen. Gelingt es dem neuen SPD-Wirtschaftsminister Prof. Schiller, seine Parteifreunde in den Gewerkschaften davon zu überzeugen, daß die von ihm für dringend, notwendig gehaltene Expansionspolitik nicht durch übermäßige Lohnforderungen in Frage gestellt werden darf, können die deutschen Aktiensparer aufatmen. Die Probe aufs Exempel wird jetzt in der chemischen Industrie gemacht werden.

Aber selbst wenn es gelingen sollte, die Tarifpartner zum Maßhalten in der Lohnpolitik zu bewegen, stehen dem Aktienmarkt noch schwere Monate bevor. Keine Woche vergeht, in der nicht gleich mehrere Unternehmen Dividendensenkungen ankündigen. Das wird sich noch weit bis in das kommende Frühjahr hinein fortsetzen und die Börsenstimmung belasten. Deshalb bevorzugen gegenwärtig die Käufer Aktien solcher Gesellschaften, die mit Sicherheit keine Kürzungen der Ausschüttungen vorzunehmen brauchen und bei denen mit einiger Sicherheit auch nicht mit einem wesentlichen Rückgang des Gewinns je Aktie zu rechnen ist. In dieser Beziehung wird es kaum Enttäuschungen bei den Bankaktien geben, deren Kurse in den letzten Tagen sprunghaft gestiegen sind. Das Kreditgeschäft der Banken war in diesem Jahr ausgezeichnet, es wird den größten Teil der Mindererträge im Effektengeschäft ausgleichen können. Die steigenden Rentenkurse vermindern außerdem die Abschreibungsnotwendigkeiten.

Spekulative Käufe sind neuerdings bei den Aktien der Bauunternehmen und der Maschinenindustrie zu beobachten. Der Führer der Baugewerkschaft Leber an der Spitze des Bundesverkehrsministeriums dürfte alles daran setzen, daß die vorhandene Straßenbaukapazität voll beschäftigt bleibt, und die Maschinenbauindustrie wird von den Wachstumsvorstellungen der Regierung profitieren, weil Wachstum zwangsläufig höhere Investitionen voraussetzt. Auch bei den Montanen gab es Meinungskäufe. Sie wurden in der Erwartung vorgenommen, daß die neue Regierung Maßnahmen ergreifen wird, die der Eisen- und Stahlindustrie wieder auf die Beine helfen werden. An der Börse ist man voller Hoffnungen. Ob sie sämtlich in Erfüllung gehen werden, wird sich erst im kommenden Jahr herausstellen. Bis dahin richtet man sich auf eine kräftige „Kurskorrektur“ ein. K. W.