De Gaulle drängt Bonn zu innerdeutschen Kontakten – Kossygin an der Seine

Von Ernst Weisenfeld

Paris, im Dezember

Kossygin ist nicht Chruschtschow. Der gegenwärtige Sowjetpremier präsentierte sich in Paris als ein Mann von ruhigerem Auftreten, mit einer nüchternen, aber festen, manchmal harten Sprache; nicht nur eine Rechenmaschine, aber doch ein Mann, der für Phantasie in den internationalen Beziehungen kaum zuständig ist – für die ausschweifende Phantasie so wenig wie für die konstruktive. Über Wirtschaft ließ sich leichter mit ihm reden als über Politik. Während der Pariser Pressekonferenz wurde deutlich, daß er sich erst ganz in seinem Element fühlte, als er von der „Rentabilität je Rubel investierten Kapitals“ und von anderen Problemen sprach, die bei der Umstellung der sowjetischen Industrie auf größere wirtschaftliche und technische Planungsautonomie der einzelnen Betriebe auftreten.

Die Beziehungen zwischen Paris und Moskau? Kossygin war nach Paris gekommen, um sie zu pflegen; nichts mehr hatte ihn hergeführt. Soweit es einen Austausch öffentlicher Erklärungen zwischen de Gaulle und ihm gab, war er dadurch charakterisiert, daß der General das Zukunftsbild eines geeinten Europa ausmalte, während sich der Russe an den französisch-sowjetischen Tatbestand hielt. Je weniger er seinem Gastgeber in dessen visionären Vorstellungen entgegenkam, um so mehr bemühte er sich, die praktische Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern zu konsolidieren.

Wirtschaftsminister Debré, der dritte Mann des Regimes, hatte sich in Moskau darüber beklagt, daß die sowjetischen Fünfjahrpläne kaum Raum für eine Erweiterung des französisch-russischen Warenaustauschs böten. Kossygin kam mit Vorschlägen nach Paris, die darauf hinausliefen, bestimmte technische Möglichkeiten Frankreichs als sowjetische Planungsfaktoren anzuerkennen und auf diese Weise „einen konjunkturunabhängigen Austausch über 10, 15 oder sogar 20 Jahre sicherzustellen“. Er betonte mehrfach, daß damit auch die Bedeutung zum Ausdruck kommen solle, die Moskau den politischen Beziehungen zu Frankreich einräume: Beziehungen, die auf eine lange Dauer angelegt seien. Sie sollten darum möglichst bald eine organisierte Form bekommen.

„Die deutsche Gefahr“