Von Gerhard Zwerenz

In Papenburg, wo Ossietzky sich im Konzentrationslager zu Tode litt (kurz nachseiner Entlassung starb er), war man auf den löblichen Einfall gekommen, des vor dreißig Jahren an Carl von Ossietzky verliehenen Friedensnobelpreises zu gedenken. Es verlas ein Sprecher der DGB-Pressestelle eine Rede des DGB-Vorstandsmitgliedes Werner Hansen. Es sprach der Schriftsteller Gerhard Zwerenz. Was wir in den Zeitungen darüber lasen, war: Gewerkschaftsbund fordert die DDR auf, das Werk Ossietzkys freizugeben – ein ebenso unzureichendes wie einseitiges Resümee der Veranstaltung. Unter solchen Umständen erscheint es uns richtig, unseren Lesern zur Kenntnis zu bringen, was der aus der DDR geflüchtete Schriftsteller GerhardZwerenz zu sagen hatte.

Papenburg – wir befinden uns hier inmitten einer Landschaft des Leidens, an einem Ort vergangener Grauen, wobei das Wort Vergangenheit nur zögernd über die Lippen will, denn nur schwer läßt sich jeweils entscheiden, was bei uns Vergangenheit und was Gegenwart ist, was als überwunden geglaubte Vergangenheit plötzlich oder scheinbar plötzlich mit gespenstischer Lebenskraft wieder vor uns steht und sich als zukünftig anpreist.

Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch – diese Warnung Brechts klang uns lange Zeit hindurch als metaphorisches Dichterwort in die Ohren, warnend zwar, doch eben nur vorsorglich warnend, bis daß der Schoß sich als furchtbar fruchtbar erwies und die letzten beiden Landtagswahlen zum Exempel nahm: Vorbei, vorbei?

Nichts ist vorbei. Unbelehrbarkeit, Ressentiment, Erfolgsneid, Sexualneid, völkische Bluboherrlichkeit, Feindschaft gegen das Neue, das Fremde, das andere und den anderen: Nichts ist vorbei und gewesen, die völkische Kanaille ist zäh und hat Millionen Leben, kein Stalingrad ist fürchterlich genug, ihr die Lust zu nehmen, und im bayerischen Wahlkampf wurden Demokraten von der aufstinkenden Rechten zusammengeschlagen.

Das hechelt weiter, erträumt sich entgangene Siege, ist, vernimmt es nur von ferne das Wort Vernunft, aufmüpfig, stellt sich, redet jemand von Verzicht, unverzüglich auf den bewußten Rechtsstandpunkt, den es vorher, SS-stark, über Stuka-Geschwader und Panzerarmeen gebietend, bedenkenlos verlassen hatte. Ja, das ist im Kommen, das bläht sich auf, das wird wieder, ist wieder wer, das packt die Niederlage von Weltkrieg Nummer zwo dem einzigen Hitler auf die Schultern, so wie es die Niederlage von Weltkrieg Nummer eins mit dem Dolchstoß zwischen die Schultern erläuterte; nur nicht in die Tiefe analysieren, nur nicht die eigene Schuld ergründen, gar die beispiellosen Verbrechen der eigenen Seite. Schluß mit der nationalen Selbstentwürdigung schreit das und spürt nicht, daß es selbst dies ist: die nationale Selbstentwürdigung.

Papenburg – das Zentrum einer Leidenslandschaft. Was hier geschah, vermochten frühere Zeiten sich nur als Hölle vorzustellen. Was sie, ihre nachtschweren Ängste und blutgierigen Phantasien anstrengend, schaudernd sich zusammenfabulierten an dantesken Qualen und goyahaften Schrecknissen, hier, in nächster Nähe bürgerlich-geordneter Ansiedlungen, verwirklichten sie sich zum Alltag, einem Leben in sogenannter Schutzhaft und also mit sogenannter deutscher Gründlichkeit, Sauberkeit, Wahrheit. Die Ehre der Wächter hieß Treue. Die Treue untergebener Massenmörder zum vorgesetzten Massenmörder.