Als er gebeten wurde, der ZEIT für ein Porträt Rede und Antwort zu stehen, wollte er eigentlich absagen. „Frühestens in 10 Jahren“, war die spontane Reaktion von Dr. Dieter Spethmann, den sicher nicht falsche Bescheidenheit leitet. Aber in der Tat ist der Vorstandsvorsitzer der zur Thyssen-Gruppe gehörenden Deutsche Edelstahlwerke AG der Benjamin unter den großen Bossen von Stahl und Eisen; und daß der „Nachwuchs“ nicht unbedingt von sich reden machen darf, ist nun einmal ungeschriebenes Gesetz der Branche, die ein Aus-der-Reihe-Tanzen in jedem Falle nur höchst unwillig akzeptiert.

Dagegen zu verstoßen, findet selbst ein Mann, dem sein Naturell und seine Karriere die nötige Unbekümmertheit und das erforderliche Selbstvertrauen gegeben haben, nicht ganz selbstverständlich. Dabei ist Dieter Spethmann in der deutschen Montanindustrie, wo bis heute nur Jahrzehnte, wenn nicht gar Generationen zählen, durchaus kein Greenhorn mehr. Als er vor fast drei Jahren – noch nicht vierzigjährig – die Schwelle zum Top-Management im Thyssen-Konzern überschritten hatte, war er zwar relativ jung, aber beileibe kein Außenseiter.

Anfang 1964 saß Dieter Spethmann zum ersten Male am Vorstandstisch. Er gab ein kurzes Gastspiel bei der Thyssen-Tochter Handelsunion – und noch im gleichen Jahre stand der eigentliche Chefsessel für ihn bereit. Spethmann siedelte nach Krefeld um und betreibt das Edelstahlgeschäft bei DEW, dem heißgeliebten Sorgenkind des größten Montankonzerns Europas.

Das war nicht einmal ein überraschender Sprung nach oben; denn längst gehörte der wendige junge Mann mit dem offenen und intelligenten Jungengesicht zur anerkannten Führungsreserve der Duisburger August Thyssen-Hütte. Als „junger Mann von Herrn Sohl“ – dem prominentesten Generaldirektor an der Ruhr – war der promovierte Jurist seinerzeit angetreten, als einer, der den sprichwörtlichen Marschallstab tatsächlich im Tornister hatte...

Aber es kommt nicht von ungefähr, daß ihm die hämische Fama eines Proteges erspart geblieben ist. Kein Zweifel, Dieter Spethmann hatte – und hat noch – den denkbar besten „Lehrherrn“, den sich ein Jung-Manager von Eisen und Stahl nur wünschen kann, aber was ist Ursache, was Wirkung? Unverkennbar ist jedenfalls der hohe eigene Einsatz, der die Spethmannsche Erfolgskurve begleitet. „Ich habe als Lehrling angefangen und keine Stufe ausgelassen“, sagte er selbst – nicht ohne einen gewissen Stolz. Das klingt aus dem – wenn auch beredten – Munde eines Mannes, der so ziemlich das genaue Gegenteil eines „Hochgedienten“ verkörpert, zunächst recht merkwürdig; aber es ist zu beweisen, wenn auch ein gewisser Sturmschritt auf der Stufenleiter vom herkömmlichen Tempo durchaus abweicht.

Als echtes Kind des Ruhrreviers – Dieter Spethmann ist in Essen geboren, sein Vater war als Historiograph des Ruhrbergbaus in die Zechenmetropole gekommen – stellte er sich selbst die Weichen für eine typische Ruhr-Karriere, die bei der Kohle beginnt und beim Stahl auf Touren kommt. Er ist kein „Revierfremder“ („Zwei Jahrzehnte würden kaum ausreichen, um hier auszulernen“); und das ist hierzulande immerhin schon eine gewisse Starthilfe. Die Türen, an die der Lernende klopft, bleiben ihm nicht verschlossen!

Als Lehrling beginnt der Abiturient – wie jeder echte Ruhr-Adept – bei Krupp. Doch das bleibt ein kurzes Intermezzo. Großdeutschlands Kriegsmarine ruft. Als Fähnrich zur See erlebt er das Kriegsende in Narvik. Daß er bereits wenige Monate später als stud. jur. an der Universität Kiel – gewissermaßen auf halbem Weg nach Hause – immatrikuliert wird, ist gegenüber den meisten seiner Altersgenossen gewiß ein unverdientes Glück, kennzeichnend aber auch für die typische Begabung, sich blitzgeschwind auf neue Ziele und auf neue Chancen einzustellen.