Von Elisabeth Pfeil

Die Soziologin Professor Dr. Elisabeth Pfeil ist wissenschaftliche Referentin an der Forschungsstelle der Akademie für Wirtschaft und Politik in Hamburg.

Ist es nicht merkwürdig, daß wir von der Doppelrolle der Frau sprechen? Und nur der Frau? Denn jeder Mensch übt mehrere Rollen nebeneinander aus, der Mann zum Beispiel als Hausvater und Staatsbürger, eine Berufsrolle, eine Rolle als Mitglied seines Vereins oder Klubs. Und diese Rollen lassen sich auch nicht immer konfliktlos vereinigen. Der vielbeschäftigte Arzt etwa kann sich durch seine Berufsrolle verhindert sehen, seine Rolle als Vater so gut zu spielen, wie er eigentlich mochte. Trotzdem wird niemand auf die Idee kommen, von der Doppelrolle des Mannes zu sprechen. Daß wir es bei der Frau tun, beruht auf der Vorstellung, daß es eine lebensfüllende und sie auch heutzutage fast ganz beanspruchende Rolle gebe: die der Hausmutter, mit der sich eine zweite, die Berufsrolle, schwer vereinigen läßt.

Die Frauenbewegung hatte, als sie der Frau die Berufswelt eröffnete, die Parole gegeben: Beruf oder Mutterschaft; die Frau sollte wählen. Nur in Ausnahmefällen (etwa bei besonderer künstlerischer oder wissenschaftlicher Begabung) gestand sie ihr zu, „nach reiflicher Überlegung und strengster Gewissensprüfung“ ihren Beruf auch als Mutter beizubehalten. Sie nahm ihre Rolle als Erziehende einer neuen Generation sehr ernst.

Berufsrolle und Mutterrolle galten im Schrifttum der bürgerlichen Frauenbewegung bis in die zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts als unvereinbar. In der sozialistischen Theorie dagegen sollte die Gleichstellung von Mann und Frau so weit gehen, daß beide in gleicher Weise ihre Berufs- und Staatsbürgerpflichten ausüben sollten; und in ihrer extremen Fassung wollte sie den privaten Haushalt reduzieren und die Kindererziehung „an die Gesellschaft“ abgeben.

Weder die Arbeiterschaft noch die bürgerlichen Frauen sind den ausgegebenen Parolen gefolgt, vielmehr waren jene bemüht, die Mütter von der Fabrikarbeit zu befreien und an die Familie zurückzugeben, diese waren nicht bereit, die Entscheidung zwischen Berufsausübung und Mutterschaft radikal zu treffen. Einen Preis will die Frau auch heute nicht zählen für ihre Emanzipation: den der Mutterschaft und den der häuslichen Harmonie, so schreibt der französische Soziologe P. H. Chombart de Lauwe.

Versucht aber die Frau, „ihr Dasein auf beiden Ebenen (der des Berufs und der der Mutterschaft) zu entwerfen“ (Buytendijk) und ein „volles Dasein nach beiden Seiten“ zu führen, so gerät sie in ein Spannungsfeld, dem nicht alle Frauen gewachsen sind. Voraussetzungen für das Gelingen sind unter den heutigen Lebensbedingungen: eine gute Gesundheit – gute Nerven – Organisationstalent – eine leichte Hand in der Erziehung der Kinder – Gelassenheit – Sinn für das Recht des anderen – ferner, sehr wichtig, die volle Zustimmung des Ehegatten, der auch seinerseits zu Konzessionen bereit sein muß; endlich gute äußere Vorbedingungen wie Hilfen im Haushalt. Wo aber trifft das alles zusammen?