Eckart Kleßmann: Die Befreiungskriege in Augenzeugenberichten. Karl Rauch Verlag, Düsseldorf. 380 Seiten, 24,80 DM.

Im „Mémorial de Sainte Helene dessen Gedanken bis in die aktuelle de Gaullesche Politik hineinwirken, schrieb Napoleon, die Feder als letzte Waffe führend: „Ich habe den Krater der Anarchie geschlossen und das Chaos entwirrt. Ich habe die Revolution von ihrem Schmutz gereinigt, die Völker veredelt, die Könige gefestigt. Ich habe einen allgemeinen Wetteifer angeregt, jedes Verdienst belohnt, die Grenzen des Ruhmes weit hinausgesteckt. Das ist wohl alles.“ Es war natürlich nicht alles. Und so hat Napoleon sich mit der Macht der Umstände und dem Widerstand der Mächte entschuldigt: „Ich wollte der Welt den Frieden geben; aber sie haben mich zu einem Dämon des Krieges gemacht.“

Die Austreibung jenes Dämons hat in der deutschen wissenschaftlichen Historiographie und erst recht in den Erbauungs-Geschichtsbüchern durch Generationen einen bevorzugten Platz eingenommen. Das hat seinen triftigen Grund: Die Befreiungskriege 1813–1815, im Überschwang auch „Freiheitskriege“ genannt, waren das erste Ereignis in der neuen Geschichte, von dem das deutsche Volk unmittelbar in seiner Gesamtheit betroffen, erschüttert, aufgerüttelt wurde; sie waren auch das erste Ereignis, das breite Schichten des Volkes sehr bewußt miterlebten. Die deutsche Geistesgeschichte, der politischen voraus, hatte einen Höhepunkt erreicht. Praktisch bedeutete das: Man empfand das Geschehen mit der Sensibilität der Romantik, man beobachtete es mit der Klarsicht der Klassik.

Zum ersten Male gab es keinen Mangel an tief beeindruckten, kritischen Augenzeugen. Und weil die napoleonische Zeit auch eine „tintenklecksende Zeit“ war, sind Memoiren, Briefe, Tagebücher, Dokumente in Fülle überliefert. Eckart Kleßmann, einer der heute besten, gründlichsten Kenner jener Zeitläufte, hat aus dieser Fülle des überlieferten ein ebenso eindrucksvolles wie überraschendes Buch zusammengestellt: „Die Befreiungskriege in Augenzeugenberichten“. Vom selben Autor sind in derselben Buchreihe schon erschienen: „Deutschland unter Napoleon in Augenzeugenberichten“ und „Napoleons Rußlandfeldzug in Augenzeugenberichten“. Selten wurde so zielsicher und glückhaft in die Truhe der Geschichte gegriffen wie hier. Eckart Kleßmann hat professionelles Wissen mit jener Entdeckerfreude, die den Amateur abseits ausgetretener Akademikerpfade auszeichnet, in Einklang gebracht; und das gilt vor allem für sein drittes Buch.

Es gibt eine ganze Anzahl volkstümlicher Dokumentensammlungen aus den Befreiungskriegen, etwa von Tim Klein, 1913, „Die Befreiung 1813–1814–1815“, von Ernst Müsebeck, ebenfalls 1913, „Gold gab ich für Eisen“, oder von Friedrich Schulze, 1908, „Die Franzosenzeit in deutschen Landen“. Diese und ähnliche Sammlungen haben gemeinsam, daß die Befreiungskriege als eine vor allem preußische Angelegenheit dargestellt werden. Von Ernst Kleßmann wird da ein größerer Radius gezogen.

Und wenn aus dem Brief, den der Herzog von Wellington über „unsere schreckliche Schlacht“ an seinen Bruder geschrieben hat, zitiert wird: „Es war die schrecklichste Sache, in der ich je gesteckt habe; nie habe ich mir soviel Mühe um eine Schlacht gemacht...“ – dann mag das hier nur als Symptom dafür gelten, wie eben nicht nur von Blücher und Kumpanen die Rede ist. Deutsche, Franzosen, Schweizer, Russen und Engländer werden als Augenzeugen aufgeboten. Was speziell Waterloo angeht, so macht der Autor keinen Hehl daraus, daß es ihm wichtiger erscheint, das „fast übermenschliche Ausharren der englischen Völkerarmee auf dem Mont St. Jean“ zu würdigen als Blüchers Eingriff in die Schlacht. In der Tat hätte es ohne die Preußen keinen Sieg gegeben; die blutige Last des Kampfes jedoch trugen Wellingtons Regimenter.

Im übrigen werden keine sattsam bekannten Schlachtenpanoramen ausgebreitet (und nichts wird zitiert, was in einschlägigen Werken ohnehin dutzendfach nachzulesen ist); hier wird vielmehr die historische Wahrheit im Detail gesucht und gefunden. Nicht zuletzt seinem literarischen Spürsinn folgend, hat Eckart Kleßmann Zeugnisse zusammengetragen, deren Stimmen kein Haudegen-Hurra übertönen kann. Ein Beispiel dafür ist das „Tagebuch der Leipziger Schlacht“ von Johann Friedrich Rochlitz, der von 1798 bis 1818 die „Allgemeine Musikalische Zeitung“ herausgab und einer der berühmtesten Musikkritiker des 19. Jahrhunderts war. Goethe nannte das Tagebuch „ein Dokument für künftige Zeiten“. Mehr als anderthalb Jahrhunderte danach hat es in den Auszügen, die in dieses dokumentarische Werk aufgenommen wurden, keinen Deut an unmittelbarer Eindringlichkeit eingebüßt.