München

Der Häftling Nr. 405 in der Einzelzelle 96 im Untersuchungsgefängnis Neudeck war sich keiner Schuld bewußt. Jedenfalls keiner Schuld von der Sorte, auf die das Strafgesetzbuch eine Antwort parat hat. Wohl aber wußte er genau, daß er sich den Umstand seiner Haft selbst zuzuschreiben hatte. Trotz vorheriger Warnungen hatte er sich mit Leuten angelegt, die besser wissen mußten als er, wie es um die bayerische Justiz bestellt ist: Könner, die am richtigen Hebel saßen, Prominente, die wußten, für was alles das Herz eines bayerischen Staatsanwalts zu schlagen in der Lage ist.

Hans Herrschaft, 47 Jahre alt, Exportkaufmann in München, war der Mann, der den „Spiegel“ auf die Spur verschiedener dubioser Geschäftsverbindungen angesetzt hatte. Später erlangte der Fall als „Fibag-Affäre“ unrühmliche Popularität.

Auch Hans Herrschaft selbst wurde dabei bekannt. Die Fibag-Kumpanei hatte den auch in Grundstücksgeschäften Bewanderten gebeten, als Fibag-Generalmakler zu fungieren. Herrschaft sagte ja, als er jedoch merkte, wer die Fibag-Geschäfte protegierte, rührte sich Widerspruch in ihm: Ein Verteidigungsminister, der sich so sehr für Privatgeschäfte dubioser Art einsetzte, wie Franz Josef Strauß es für die Fibag seines Freundes Kapfinger tat, der schien ihm fehl am Platze.

Herrschaft, vom 16. April bis zum 11. Mai 1962 Untersuchungshäftling in Neudeck, wußte schon vorher, daß er verhaftet werden sollte. Ein Vertrauter des Passauer Verlegers Kapfinger hatte ihn telephonisch gewarnt: Wenn er vor dem Fibag-Untersuchungsausschuß des Bundestags aussage, werde man ihn einsperren. Es gehe um „Ost-Dinge“. Zur Verurteilung lange es nicht hin, aber „vorerst werde es reichen“.

Ostkontakte, damals ein Schimpfwort verdächtigsten politischer Provenienz, heute eher schon Tugend einer Großen Koalition, wurden Herrschaft denn auch vom Staatsanwalt vorgeworfen. Am 10. April 1962 sagte er vor dem Bonner Untersuchungsausschuß aus. Er belastete Strauß und dessen Spezi Kapfinger. Zwei Tage später stellte der Münchner Amtsrichter Richard Sigel einen Haftbefehl gegen ihn aus: Einen Haftbefehl, der so ziemlich alles enthielt, was man einem Ostagenten anlasten kann. Von „staatsgefährdender Nachrichten- und Agententätigkeit“ war die Rede und von akuter „Flucht- und Verdunklungsgefahr“.

Jedoch: Obwohl man wußte, daß Herrschaft bis zum 15. April in Bonn bleiben würde, mochte man seiner dort nicht habhaft werden. Erst als er am 16. April nach Bayern zurückkehrte, griff man sich den der Flucht dringend Verdächtigen. Morgens um neun klingelten die Beamten des Politischen Kommissariats der Münchner Kripo an seiner Tür. Die Beamten wiesen einen Haussuchungsbefehl vor, und sie wurden nicht müde zu beteuern, mit „Fibag“ habe das alles nichts zu tun. Nur: Als sie an Herrschafts Fibag-Aktien heranwollten, wurde der Mann böse. Er fuhr die ungebetenen Gäste barsch an und gab die Akten seiner Frau. Sie brachte sie zu einem Rechtsanwalt in Sicherheit. Familienvater Herrschaft ging unterdes in Haft.