Wie eröffnet man eine Komische Oper in Ost-Berlin? Wie übergibt man etwas früher so Feudalistisches und später Bürgerlich-Kapitalistisches wie ein Opernhaus nach einem Umbau den Kulturschaffenden eines sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates?

Der Hausherr der Komischen Oper, Nationalpreisträger Professor Walter Felsenstein, meldete seine Forderung bereits ein halbes Jahr vorher an und blieb bis zum letzten Sonntag auch dabei: Im Theater solle man Theater spielen und keine Reden halten. Das brachte einen Funktionär um die Chance eines großen Auftritts und sicherte sie der Ouvertüre Wolfgang Amadeus Mozarts.

Siebenhundert Meter östlich des Brandenburger Tores hatte der Verkehrspolizist – in weißem Lackmantel und grauer Pelzmütze – am Sonntagabend wenig Mühe, fünfundvierzig Minuten lang die sozialistischen und die kapitalistischen Automobile, die Wartburgs, Mercedes, Tatras und Tschaikas, über die Kreuzung Unter den Linden–Friedrichstraße zu schleusen. Ebensowenig Mühe hatte der Kameramann des Deutschen Fernsehfunks, sich das Blickfeld auf die ankommenden Ehrengäste freizuhalten: Den Absperrungskordon eines Dutzends unauffällig gekleideter junger Männer versuchte niemand zu durchbrechen. Mühe und keinen Erfolg hatten dagegen ein paar Unentwegte, die vor dem Portal mit selbstgebastelten Plakaten fragten: Hasen Sie vielleicht eine Karte zuviel?

Erfolglos auch der Ahnungslose, der vor der Ausführung und in der Pause versuchte, vom ersten Rang herunter einen Blick in das umgebaute Theater zu werfen: Die Türen blieben hier fest verschlossen, der Rang war der Parteiprominenz und den Diplomaten vorbehalten.

Unten im Parkett werden große Garderoben präsentiert, Langes aus weißem Matelassé, dunkeliotem Samt und hellblauer Seide, Schulterfreies auch, zu dem Nerz gezeigt wird. Später, in der Pause, macht der westliche Besucher eine Entdeckung: Herren, die auf dem Revers das Parteiabzeichen der SED führen, tragen keinen Smoking. Sie folgen darin dem Vorbild des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht.

Der entsteigt in dunkel-kariertem Mantel seinem Tschaika IA 09-76, winkt kurz in die Fernsehkamera, Blitzlicht, Beifall, Walter Felsenstein begrüßt seinen Gast im Portal, geleitet ihn hinauf, Neben mir fragt jemand: „Ist der Herr von Karajan schon da?“

Der Maestro war in der Tat angemeldet. Erschienen jedoch sind Michail Tschulaki, der Leiter des Moskauer Bolschoi-Theaters, die Direktoren des Stanislawskij-Theaters, des Prager Nationaltheaters, der Staatsopern Budapest und Bukarest und der Berliner Staatsoper, die vier Generalintendanten der Württembergischen Staatstheater Stuttgart, Dr. Schäfer, der Deutschen Oper, Sellner, aus Leipzig und Dresden, die Direktoren der Festspiele von Salzburg und Edinburgh, Botschafter Abrassimow, Politbüro-Mitglieder und die Oberbürgermeisterin von Potsdam, Arnold Zweig und Gret Palucca, Ernesto Grassi und Mitglieder des Berliner Ensembles.