Von Sandra Sassone

Es gibt gelegentlich seltsame Zufälle: Während sich in Bonn die führenden Politiker von CDU und SPD zur Bildung einer gemeinsamen Regierung anschickten, bereitete sich im benachbarten Köln einer der heimlichen Wegbereiter dieser Großen Koalition auf den bisher sicherlich bedeutungsvollsten Tag seines Lebens vor: Am 11. Dezember wird Monsignore Bruno Wüstenberg, ranghöchster Deutscher im diplomatischen Dienst des Vatikans, von Josef Kardinal Frings im Kölner Dom zum Bischof geweiht werden. Im Januar wird er dann als Apostolischer Pronuntius nach Tokio gehen.

Vor seiner Ernennung zum Titularerzbischof von Tyrus und Pronuntius in Japan am 24. Oktober dieses Jahres war Wüstenberg Leiter der Abteilung für deutschsprachige Länder im päpstlichen Staatssekretariat. In dieser Stellung hat er, unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, entscheidend zur Aussöhnung zwischen der katholischen Kirche und der deutschen Sozialdemokratie beigetragen. Er hat damit geholfen, eine der Fundamente für die Zusammenarbeit der beiden größten deutschen Parteien zu schaffen, die seit Jahren auch das politische Ziel jenes Mannes ist, zu dem Wüstenberg in einem wahlverwandtschaftlichen Sohn-Vater-Verhältnis steht – des Bundespräsidenten Heinrich Lübke.

Wüstenberg stammt aus dem Ruhrgebiet. Er wurde 1912 in Duisburg geboren. Sein Vater war Betriebsleiter der Krupp-Werke in Rheinhausen. 1938 wurde Wüstenberg in Köln zum Priester geweiht. Seit 1940 lebt er in Rom. Hier ist er zu dem geformt worden, was er heute ist: ein kultivierter, gescheiter und gewiegter Repräsentant vatikanischer Diplomatie. Er studierte zunächst Kirchenrecht an der von den Jesuiten geführten päpstlichen Universität Gregoriana, trat dann in die Abteilung „Kriegsgefangenenfürsorge des Heiligen Stuhls ein und begann 1947 seine Karriere im Staatssekretariat.

Wie viele Priester-Diplomaten der römischen Kurie zeichnete sich auch der Monsignore und spätere päpstliche Hausprälat Wüstenberg sehr bald durch Fähigkeiten aus, die nicht auf dem Gebiet der Seelsorge liegen. Hinter dem offiziell zur Schau getragenen konventionellen Prälaten-Habitus entwickelte er einen Sinn für kühle Sachlichkeit, verbunden mit Witz, Humor und einer guten Portion Pfiffigkeit. Der berufliche und auch gesellschaftliche Erfolg blieb nicht aus. Als soziale Statussymbole dienten nicht zuletzt die Mitgliedschaft im renommiertesten Golfklub der Ewigen Stadt und der private Porsche, dessen schwarzglänzender Lack das selbst für Rom ungewöhnliche Bild eines geistlichen Herrn am Sportwagensteuer kaum weniger auffallend machte. Manchem Besucher aus Deutschland, der im Vatikan Stärkung für seinen Glauben suchte, mochte all das etwas verwirrend erscheinen. Mancher hat wohl auch mit mehr oder weniger offener Kritik nicht gespart.

Galt solche Kritik der Person Wüstenberg, so ging sie an der Sache vorbei. So wie die Zentrale des Weltkatholizismus organisiert ist, kommt sie ohne Funktionäre vom Typ und von den Fähigkeiten Wüstenbergs nicht aus. Eine andere Frage ist freilich, ob die Diplomaten und Organisatoren, die der Vatikan für seine universalen Aufgaben benötigt, unbedingt geistliche Gewänder tragen, ob sie geweihte Priester und Bischöfe sein müssen. Auf dem II. Vatikanum ist diese Frage oft gestellt und von einigen prominenten Konzilsvätern verneint worden. Aber der Papst hat bisher in diesem Punkt strikt an der Tradition festgehalten. Solange er diese Einstellung nicht revidiert, muß es im Dienste des Vatikans Bischöfe und Priester geben, deren Wirkungsfeld im Grenzbereich zwischen Kirche und Gesellschaft und damit auch zwischen Kirche und Politik liegt.

Erzbischof Wüstenberg ist in diesem Bereich zu Hause. Kirchlich-katholisches Gettodenken in der Welt von heute ist ihm fremd. Er steht in der Welt und kennt ihre Probleme. So mag er auch hinter dem Bronzetor des apostolischen Palastes als einer der ersten erkannt haben, welche Bedeutung für den deutschen Katholizismus heute dem Verhältnis zum demokratischen Sozialismus zukommt. Noch im Januar 1960 hatte der „Osservatore Romano in einem Leitartikel eine scharfe Scheidungslinie zwischen Kirche und SPD gezogen. In diesem Kommentar zum Godesberger Programm hieß es: „Auch in seiner gemäßigten Form, auch wenn er Marx, die Sozialisierung und den Klassenkampf ablehnt, ist der Sozialismus nicht mit dem katholischen Bekenntnis zu vereinbaren.“ Vier Jahre später empfing Paul VI. in seiner Privatbibliothek eine Delegation des SPD-Vorstandes unter Führung des stellvertretenden Parteivorsitzenden Fritz Erler. Als Berater und Dolmetscher des Papstes fungierte Msgr. Wüstenberg, der die Zusammenkunft vorbereitet hatte.