Von François Erval

Französische Meinungsforscher behaupten, daß die erdrückende Mehrzahl aller Romanleser heutzutage Leserinnen sind. Sollte es stimmen – und es besteht kein Anlaß, daran zu zweifeln –, so wird verständlich, warum die Jurys der französischen Literaturpreise ihre höchsten Auszeichnungen in den letzten Jahren immer mehr an Frauen vergeben. Sie scheinen sicher zu sein, daß Frauen den Geschmack der Frauen besser kennen als Männer – eine Annahme, die vielleicht nicht falsch ist, aber auf dem Gebiete des Romans noch einer Bestätigung harrt. Auf jeden Fall wurden in diesem Jahr von den vier bedeutenden französischen Literaturpreisen Frankreichs drei an Frauen verliehen.

Sogar die Académie Goncourt, die bisher Schriftstellerinnen mit einem gewissen Mißtrauen zu betrachten schien, besann sich diesmal eines anderen. Die letzte Autorin, die den Goncourt erhielt, war vor ungefähr zehn Jahren Simone de Beauvoir, die damals schon ein stattliches Werk hinter sich hatte. Die diesjährige Preisträgerin Edmonde Charles-Roux ist eine Anfängerin, zum mindesten auf dem Gebiete der Literatur. Sie ist die Tochter eines Diplomaten, der Botschafter Frankreichs in Rom war, und wir finden ihre Kindheitserinnerungen in dem preisgekrönten Roman „Oublier Palerme“ (Palermo vergessen) wieder. Sie war längere Zeit Chefredakteurin der Zeitschrift Vogue, und auch diese Erfahrung spiegelt sich in ihrem Roman wider.

„Oublier Palerme“ ist ausgezeichnete Unterhaltungsliteratur. Es ist ein bißchen erstaunlich, daß der Goncourt-Preis sich nicht anspruchsvoller zeigte. Edmonde Charles-Roux zeigt in ihrem Buch zwei Welten: Sizilien und Amerika. Palermo ist romantisch, New York mechanisch. Der Gegensatz dieser beiden Welten wird ein wenig vereinfacht dargestellt, und die Personen, die diesen Gegensatz verkörpern, sind psychologisch nicht besonders vertiefte Typen. Die Académie Goncourt scheint ihren Preisträgern wieder einmal einen großen Verkaufserfolg zu wünschen: Seit André Schwarz-Bart (Auflage 500 000 Exemplare) überschritt keiner der ausgezeichneten Romane mehr die von 200 000.

Trotz seines Namens und trotz einer Jury, die ausschließlich aus Frauen besteht, wird der Femina-Preis meist an Männer verliehen. Diesmal folgte auch dieser Preis dem allgemeinen Trend. Irene Monesi veröffentlichte bereits vier Romane, und „Nature morte devant une fenêtre“ (Stilleben vor einem Fenster) erhielt ihn nicht unverdient. Es handelt sich um einen sehr diskreten Roman, und er erinnerte französische Kritiker nicht zu Unrecht an eine gewisse Tradition der englischen Literatur. Der Konflikt zwischen Mutter und Tochter ist das Zentralthema dieses Buches, und Irene Monesi behandelt es kunstvoll, zart und ein wenig fragil: Ihr Buch ist wirklich ein Stilleben, schön und statisch.

Die temperamentvollste der drei Schriftstellerinnen ist wohl Marie-Claire Blais, eine Kanadierin. Sie ist jung, und „Une saison de la vie d’Emmanuel“ (Eine Saison im Leben Emmanuels) ist ihr erster Roman, für den sie nun den Prix Medicis erhielt.

In Frankreich ist man an kanadische Romane gewöhnt, die an die bürgerliche Literatur Europas vor ungefähr einem Jahrhundert erinnern. Marie-Claire Blais lebt in unserem Jahrhundert, und sie schreibt mit einer schonungslosen Poesie, die sofort aufhorchen ließ. Sie spricht von einer Familie mit zahlreichen Kindern, deren verworrener Lebenslauf mit Härte und Ironie geschildert wird. Es handelt sich aber um keinen naturalistischen Roman, wie man es nach den ersten Seiten des Buches glauben könnte, sondern um eine poetische Anklage gegen eine verworrene Zeit mit verworrenen Menschen. Langsam bemerkt man, daß Marie-Claire Blais mit Symbolen arbeitet, mit Anspielungen, versteckten Andeutungen, und ebenso langsam entdeckt man ihr wahres Vorbild: William Faulkner. Ich weiß nicht, ob dieser Roman isoliert konzipiert wurde oder ob er den Anfang einer langen Faulknerschen Serie darstellt; es ist aber gewiß, daß diese junge Kanadierin eine erstaunliche Schriftstellerin mit außergewöhnlicher Begabung ist. Ein anderer junger Kanadier, der diesmal bei der Preisverteilung leer ausging, Rejean Ducharme, bestätigt mit seinem Roman „L’avalee des avalés“, der von Queneau stark beeinflußt ist, daß der kanadische Roman das neunzehnte Jahrhundert endgültig hinter sich gelassen hat und uns wahrscheinlich in den nächsten Jahren einige Überraschungen bieten wird.

Wer ist der einzige Mann, der in den Augen der Jurys Gnade gefunden hat? Seine Auszeichnung ist eher eine Bestätigung als eine Entdeckung. José Cabanis hat schon ungefähr zehn Romane geschrieben, und seit Jahren wird sein Name regelmäßig für einen der großen Preise genannt. Diesmal erhielt er endlich den Prix Theophraste Renaudot, einstimmig, im ersten Wahlgang, ein Ereignis wohl ohne Beispiel in der Geschichte der französischen Literaturpreise. „La bataille de Toulouse“ (Die Schlacht von Toulouse) ist ein kleiner Liebesroman, die Fortsetzung des auch in Deutschland erschienenen „Les jeux de la nuit“. Cabanis wurde oft vorgeworfen, daß er nur kleine Bücher schreibe, individuelle Erfahrungen erzähle, in denen wir vergebens das Echo der Welt suchen. Anscheinend wollte er diesen Vorwürfen begegnen: Sein Schriftsteller nimmt sich vor, einen großen historischen Roman zu schreiben. Langsam interessiert er sich aber wieder nur für zwei Menschen, die ihn an seine eigenen Erfahrungen erinnern, welche ihm viel wichtiger erscheinen als das Schlachtengetöse. Also wieder nur Intimes? Es war nützlich, daß sein Verleger die gute Idee hatte, fünf seiner Romane in einem Band zu veröffentlichen, um so zu zeigen, daß sie einen einzigen großen Roman bilden. Vielleicht wird dieser dicke Band und auch der Renaudot-Preis die Franzosen endlich davon überzeugen, daß sie in José Cabanis einen ihrer besten Schriftsteller haben.