München, im Dezember

Das Bundesverwaltungsgericht in Berlin hat dem Germanisten Professor Dr. Alfred Kantorowicz den Flüchtlingsausweis C zuerkannt. Wer den Fall Kantorowicz kennt, der ein Fall der westdeutschen Justiz geworden ist, vermag dieser Meldung nicht restlos froh zu werden.

Nicht, daß man sich nicht freuen muß über die Rehabilitierung eines Mannes, der sein Leben lang meistens dort gestanden hat, wo es Prügel gab. Alfred Kantorowicz, preußischer Jude, mit dem EK II aus dem Ersten Weltkrieg, antifaschistischer Schriftsteller, Marxist, Spanien-Kämpfer, Emigrant, ein „linker Konservativer“, der Amerika als Zuflucht ertrug, der aber dem östlichen Teil Deutschlands entgegensah – er floh im August 1957 in den Westen, weil Walter Ulbricht angekündigt hatte, er werde im Institut für Neueste Deutsche Literatur, dem Professor Kantorowicz vorstand, „für Ordnung sorgen“.

Der bayerische Verwaltungsgerichtshof hat in dem Prozeß, in dem es um die Anerkennung des Flüchtlings Kantorowicz als Flüchtling im Sinne des Gesetzes ging, aus diesem Ulbricht-Ausspruch den Schluß gezogen, es sei ja gar nichts Schlechtes, wenn irgendwo Ordnung geschaffen werde; das bedeute ja noch nichts Negatives an sich. Nach neun Prozeßjahren endlich kam das Bundesverwaltungsgericht jetzt zu der Auffassung, daß die Münchner offenbar keine Ahnung von den tatsächlichen Gegebenheiten hatten. Die Tatsachen: Das waren die Mitteilungen Ulbrichts, er werde eine Untersuchungskommission über den Lehrbetrieb an Kantorowicz’ Institut einsetzen, und der Umstand, daß sich der Professor – als einziges Mitglied des fünfzigköpfigen Vorstandes des DDR-Schriftstellerverbandes – geweigert hatte, eine Resolution zu unterschreiben, die den Ungarn-Aufstand verurteilte.

Alfred Kantorowicz mußte fliehen, und es waren besondere Verhältnisse nötig, daß ihm die amtliche Anerkennung dieser Tatsache versagt wurde.

Die bayerischen Behörden, die mit Flüchtlingen zu tun haben, sind mit Sudetendeutschen besetzt. Der damalige bayerische Vertriebenenminister Stain war von einem sudetendeutschen Landsmann, dem Bundestagsabgeordneten Baier, schon vorgewarnt worden, Kantorowicz werde sich eventuell um einen Flüchtlingsausweis bemühen; man wisse, daß er sich in München niederlassen wolle. Als es dann soweit war, zog Stain den Fall an sich. Obwohl mehrere Hundert Kantorowicz-Schüler im Westen leben, die über ihren einstigen Hochschullehrer hätten aussagen können, präsentierte das bayerische Vertriebenenministerium dem Münchner Verwaltungsgericht nur einen Zeugen, einen Sudetendeutschen, der zwar in Leipzig Slawistik studiert hatte, der den Professor aber gar nicht kannte. Aus einem 1948 erschienenen, von Thomas Mann eingeleiteten Kantorowicz-Buch zitierte er drei aus dem Zusammenhang gerissene Sätze, die beweisen sollten, daß der Flüchtling „drüben“ nicht an Gewissensnot gelitten habe. Ein Flüchtlingsfunktionär in der Position eines Regierungsdirektors widmete dem Antragsteller den Ausspruch: „Mir ist so ein Funktionär, der von drüben kommt, am Hintern lieber, als so ein Intellektueller im Gesicht.“

Das Unerfreuliche an der Entscheidung von Berlin ist, daß es neun Jahre dauerte, bis den bayerischen Gerichten Ahnungslosigkeit und den bayerischen Staatsbehörden Böswilligkeit bestätigt wurde. Das Erfreuliche ist, daß es endlich festgestellt wurde – was schon in einem alten Gutachten – von Staatssekretär Thedieck unterzeichnet – des Bonner gesamtdeutschen Ministeriums stand: Kantorowicz habe nicht parteilich, sondern objektiv gelehrt, er habe sich schließlich in Gefahr befunden. Das Gutachten aus Bonn war auf „unerklärliche Weise“ aus der Akte verschwunden, als der Fall vom Gericht und vor dem bayerischen Parlament verhandelt wurde...

Heute ist Alfred Kantorowicz 67 Jahre alt. Weil die Münchner Gerichtsurteile den westdeutschen Universitäten vorlagen, kam er bisher für die Berufung auf einen Lehrstuhl nicht in Frage. Jetzt ist er zu alt dafür; es ist allenfalls noch eine Stellung als Honorarprofessor denkbar. Schicksal eines Deutschen in Deutschland... Th. v. U.