St. Moritz, im Dezember

Wo sind die schönsten Skiabfahrten, die meisten Skilifte? Wer bietet die größte Auswahl an Sportarten und das verlockendste Angebot an winterlichen Vergnügen? In der Schweiz schallt die Antwort aus Graubünden, aus dem Berner Oberland und aus dem Wallis. Die meisten Orte sind wohl mit Recht so selbstbewußt. Ich aber entscheide mich für St. Moritz.

Ich kam zum erstenmal als Schuljunge nach St. Moritz. Ich durfte die Vettern ein paar Tage besuchen. Sie nahmen mich mit zum Bobrennen am Cresta-Run, zum Pferderennen auf dem gefrorenen See, zu den Eisläuferinnen, die auf der spiegelnden Eisfläche vor dem Kulm-Hotel herumwirbelten und die Arme ausbreiteten, als wollten sie die Sonne umarmen.

Es gab Schlitten mit klingelnden Schellen, Peitschengeknall und lachenden Paaren. Die Herren trugen karierte Sportmützen und Knickerbocker, die Damen sahen aus wie Wachspuppen. Und eine Fröhlichkeit sprühte in all dem, bei den Gästen, bei den Chasseurs, Skilehrern, Kutschern, Ausläufern, ja sogar bei den Eissägern auf dem See. Als der Concierge von Badrutt‘s Palace-Hotel mich in die Rezeption mitnahm und seinen betreßten Gehilfen die englischen, französischen und deutschen Kundenwünsche in biederem Rätoromanisch weitergab, kam mir das Hotel vor wie ein Aquarium mit vielen exotischen Fischen und leuchtenden Seesternen.

Der Ort (St. Moritz-Dorf und St. Moritz-Bad) liegt auf der obersten Talstufe des Engadins, in einer durch die Seen und die Einmündung des Berninatals geweiteten Hochgebirgslandschaft. Das Dorf trinkt am Trog seines Sees, den auf der gegenüberliegenden Seite stille Wälder säumen. Der Blick des Wanderers schweift von Muottas Muragl über Piz Languard zum Rosatsch, Corvatsch und Piz La Margna, der den Auftakt gibt zum Stakkato der Bergeller Berge. Im Rücken stehen als Wächter Piz Albana, Piz Julier und Piz Nair.

Ihre Abhänge sind weites, sicheres Skigebiet. Es gibt ein unerschöpfliches Angebot an Bergbahnen und Skilifts, von der vertrauten Corviglia-Drahtseilbahn, die erneuert wurde und direkten Anschluß an die Piz Nair-Schwebebahn erhielt, bis zur berühmten Bahn auf den Piz Corvatsch bei Silvaplana. Diese Bahn erschließt im Banne der Berninagruppe ein Skigelände von atemberaubender Schönheit, das dank der Höhe und Nordlage bis im Sommer schneesicher bleibt. Das Saluvertal auf der Sonnenseite über Celerina ist ein einziges Geflecht von Abfahrten vom Piz Nair, Suvretta und Corviglia. Die schönen Pontresiner Hochgebirgsabfahrten von Diavolezza und Piz Lagalb sind ohne Schwierigkeiten zu erreichen. Man braucht Tage und Wochen, bis man jede Abfahrt wenigstens einmal versucht hat, und nirgends muß man lange anstehen.

Man kann aber auch alle möglichen anderen Sportarten treiben: Ski, Eislauf, Bob, Skeleton, Curling, Hockey. Man kann beim Pferderennen auf dem See wetten oder im Pulverschnee reiten. Man kann Schlittenfahrten unternehmen und weite Wanderungen machen. Es gibt Hotels mit glänzenden Festen und eleganten table d’hôtes, berühmte und weniger berühmte, die aber auch gut geführt sind.