Wenn der Flug beginnt, begrüßt uns der Lautsprecher im Namen des Flugkapitäns und teilt uns mit, wie hoch und wie schnell wir fliegen werden. Ferner wünscht der Kapitän in mindestens zwei Sprachen, daß wir den Flug genießen und enjoin. Auch während des Fluges wird uns allerlei mitgeteilt, beispielsweise, daß wir soeben Lüttich überfliegen und daß die Außentemperatur dreißig Grad minus beträgt. Von Lüttich sieht man derweilen nichts, und die Kälte draußen ist ebenfalls ohne Bezug auf uns. Aber nach der Landung gibt der Lautsprecher einen praktischen Tip. Wir Deutsche sollen nämlich so lange sitzen bleiben, bis die „Motoren zum vollständigen Stillstand gekommen sind.“ Für Amerikaner und Engländer geht es jedoch etwas schneller. Für sie kommen die Motoren nicht „zum vollständigen Stillstand“; sie machen einfach „stop“, und erledigt ist die Sache.

Es gibt nun gewisse vielfliegende Leute, die das bei Luftreisen übliche Zeremoniell für einen „alten Zopf“ halten. Sie sagen: „Was sollen diese Umgangsformen aus den Pioniertagen der Fliegerei? Im übrigen will ich den Flug auch nicht genießen. Ich will zu meinen Geschäften oder nach Hause. Und was geht mich die Außentemperatur an? Es reicht, wenn der Kapitän dafür sorgt, daß es im Innern der Maschine schön warm ist.“

Diesen Modernisten ist entgegenzuhalten, daß es unter den Menschen auf Erden immer kälter wird. Nur in der Luft, bei achttausend Meter Höhe und der Außentemperatur von minus dreißig Grad Celsius, geschieht es noch, daß wir warmherzig aufgefordert werden, das Leben zu genießen. Nur hier passiert es, daß unsere Schutzengel uns beim Eintritt begrüßen und uns beim Abschied ein „Auf Wiedersehen“ zurufen, dies sogar auf Deutsch im englischen Text und im Namen des Kapitäns Sulzbacher und seiner Crew, Sollten wir da nicht, anstatt diese himmlischen Sitten abzuschaffen, dafür eintreten, daß sie sich auch hienieden ausbreiten? Nicht minder interessant wie die Tatsache, daß der Flugkapitän den Namen Sulzbacher trägt, ist es doch beispielsweise zu wissen, wie der Lokomotivführer des „Blauen Enzian“ heißt und ob auch er uns wünscht, wir mögen die Fahrt genießen, Aber wir wissen weder, wie der Straßenbahn- noch der U-Bahn- noch der Taxi-Fahrer sich nennt. Wir wissen nichts, nichts, nichts. Und so nimmt die schlechte Laune hienieden immer mehr zu, während hieoben

Also, im Flugzeug, das uns in diesen stürmischen Tagen von Frankreich nach Hamburg brachte, sagte der Lautsprecher, heute fiele der Service aus. Nicht der Dienst war gemeint, bloß der Service, was nicht dasselbe ist. Es schaukelte. Die Düsenmaschine schaukelte etwa zehn Prozent von dem, was früher, in Propellertagen geschaukelt wurde. Immerhin, sie schaukelte spürbar. Da das Flugzeug voll besetzt war, kann man ungefähr ermessen, daß der oder das Kaffee-Service einige Flecken auf den Röcken und Hosen hervorgebracht hätte. Dies schienen alle Passagiere einzusehen. Niemand murrte.

Ein älterer Fluggast neben mir bemerkte zwar, früher sei der Service so gewesen, daß, wer wollte, konnte: auf eigene Kaffeeflecken-Gefahr. Aber es war kein böser Ton in seiner Stimme, als er hinzufügte, heute sei das anders, und als er dabei nach vorn, zur ersten Klasse, deutete.

Dort, hinter dem Vorhang, wurde nämlich serviert. Ein Ritz stand offen, und man konnte deutlich sehen, daß es dort Bier gab und Hühnchen und Pudding und hinterher Kaffee.

Tatsache ist, daß es in der ersten Klasse ja nie so schaukelt wie in zweiten, dritten oder gar vierten Klassen. Diese allgemeine Lebensregel bestätigt sich also auch in der Luft. Aber während sonst die unteren Klassen in stürmischen Tagen stets besonders stürmisch verlangen, was ihnen ohne zusätzliche Kosten zusteht – Hühnchen und Bier –, schrie hier niemand: „Wo bleiben die Gerechtigkeit und der Pudding?“ Im Gegenteil, jedermann schien einzusehen, daß die Stewardessen in der wenig besetzten ersten Klasse immer noch leisten könnten, was sie im voll besetzten Rest der Maschine unmöglich hätten vollbringen können, nämlich den Service. Niemand war da, der nicht zu begreifen schien, daß Flecken in der ersten Klasse sowieso nicht so häufig vorkommen wie anderswo, und daß, falls doch, nicht soviel Aufhebens davon gemacht wird. Jedenfalls hat sich keiner beschwert. Ein Umstand, der vielleicht ein bißchen auch dadurch erklärbar ist, daß nur die Passagiere der ersten Reihen der zweiten Klasse–wie stets im Leben – durch den Schlitz im Vorhang sehen konnten, die übrigen aber nicht.